Freitag, 25. September 2020
Entscheidender Anstoß für überfällige Veränderungen

Die Krise als Glücksfall

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 21.06.2020 | BilderDownloads | |  

Wolfgang Schalko
„Krisengewinner” ist einer jener Ausdrücke, denen ich gute Chancen auf das Unwort des Jahres einräume – implementiert es doch, dass jemand vom Unglück bzw Verlust eines anderen profitiert. Allerdings kann damit auch gemeint sein, dass nicht jemand, sondern etwas einen Schub erhält…

Neben einer Reihe anderer Effekte, die sich im Fall der aktuellen Covid-19-Pandemie drastisch in den Bereichen Gesundheit und Wirtschaft äußern, wohnt Krisen wie dieser eine ungeheure Kraft zur Veränderung inne. Corona hat uns im Grunde genommen keine Chancen geboten, sondern uns vielmehr schlicht gezwungen – ob im gegebenen Ausmaß gerechtfertigt oder nicht, sei dahingestellt – uns aktiv mit der Situation auseinanderzusetzen. Und in manchen Bereichen haben die Versuche, das Beste daraus zu machen bzw die plötzlich aufgetretenen Probleme zu lösen tatsächlich dazu geführt, dass der Zustand danach (also jetzt) besser ist als zuvor (vor Covid-19).

Die weitreichenden Maßnahmen der Regierung zeigten sehr anschaulich, was alles möglich ist (und ja, wir haben uns gewundert – obwohl’s dann doch nicht der Hofer war…), wenn die Erfordernis nur als dringlich genug eingestuft wird. „Der größte Feind des Fortschritts ist nicht der Irrtum, sondern die Trägheit”, hielt der englische Historiker Henry Thomas Buckle schon Mitte des 19. Jahrhunderts fest, und dahingehend bedeutete Corona einen sehr kräftigen Anstoß, diese Trägheit (vielfach ein Resultat der Gewohnheit) zu überwinden, ja überwinden zu müssen.

Dass Home Office von heute auf morgen zum Arbeitsalltag wurde oder Videokonferenzen sich zum kommunikativen Standard mauserten, kam in dieser Form weder vorhergesehen noch freiwillig – und doch haben sich alle Beteiligten binnen kürzester Zeit damit mehr als nur arrangiert. Für die Digitalisierung bedeutete Covid-19 einen ungeheuren Schub mit nachhaltiger Wirkung – die Krise als Glücksfall. Auf der anderen Seite ist es allein dem Entwicklungsstand der digitalen Technologien und Mittel zu verdanken (von Internet sowie Mobil- und Datenkommunikation über die vielfältigen Online-Plattformen, Services und Software für unterschiedlichste Anwendungen bis hin zu leistungsfähiger und erschwinglicher Hardware), dass Home Office, Home Schooling etc überhaupt in dieser Form zur Verfügung standen – ein Glücksfall in der Krise. Ich bin wohl zu jung, um es tatsächlich beurteilen zu können, aber ein solcher Shutdown Mitte der 1980er-Jahre hätte wohl etwas anders ausgesehen…

So kann’s gehen

Nachdem ich seit mittlerweile mehr als sieben Jahren überwiegend vom Home Office aus tätig bin, konnte mich Corona in dieser Hinsicht nur wenig beeindrucken. An anderer Stelle waren die Auswirkungen dafür umso größer, wie die folgende Geschichte illustrieren soll.

Letzten Sommer – also in etwa zu jener Zeit, als verlagsintern erstmals die Übernahme von E&W und elektro.at durch das bestehende Team thematisiert wurde – lernte ich eine Möglichkeit kennen, ein Printmedium tatsächlich substanziell weiterzuentwickeln: durch den Einsatz von Augmented Reality (AR). Diese Technologie bedeutet eine grundlegende Veränderung der Wahrnehmung auf Basis des völlig gleichen (!!) Druckwerks – indem die einzelnen Seiten ganz einfach „im Hintergrund” mit digitalen Inhalten wie Videos, Fotos, Audio-Files, PDFs, Webseiten, Links, Aktionen, Gewinnspielen uvm angereichert werden.

Ein faszinierender Gedanke, den es unbedingt umzusetzen galt – nur wann und wie? Und in der Medienwelt nicht unerheblich: Mit welchem „Aufhänger”? Dem großen Grübeln folgte die lange Pause, denn trotz vorliegender Best Practice-Beispiele und einer zumindest groben Vorstellung, in welcher Form Augmented Reality in der E&W Einzug halten könnte, war das Projekt anhaltend im Standby-Modus. Und dann kam Corona…

Mit der Krise und angesichts der gerade anstehenden Übernahme von E&W und elektro.at sowie der damit verbundenen Unternehmens-Gründung wurde das Augmented Reality-Projekt in der Prioritätenliste regelrecht durchgereicht – um dann nur kurze Zeit später wieder ganz nach oben zu wandern, denn im Zuge der Pandemie waren die Karten neu gemischt worden. Die Absage der hiesigen Branchenmessen und -events in diesem Jahr sorgte für genau jene Krisensituation, die notwendig ist, um eine Veränderung loszutreten: Wenn es für die österreichische Elektrobranche heuer keine reale Plattform gibt, um sich auszutauschen, dann schaffen eben wir die passende Bühne für den Informationsfluss zwischen den Akteuren.

Vor wenigen Tagen, mit dem Erscheinen der E&W 6/2020, war es dann auch endlich soweit mit der Augmented Reality-Premiere: Das Editorial und ein Artikel zum Thema Augmented Reality sind die ersten beiden Druckseiten der E&W, die mit digitalen Inhalten aufgepeppt sind und mit der (für iOS und Android kostenlosen) AR-App „E&W Plus” betrachtet werden können. Es macht nicht nur mich, sondern das ganze E&W-Team richtig stolz, dass das gelungen ist. Damit einhergehend stimmt mich eine weiterer Effekt sehr zuversichtlich, der mir beim Corona-bedingten Digitalisierungsschub aufgefallen ist: Die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung (im Sinne der Beständigkeit). Home Office wird nicht einfach so verschwinden, Live-Streams und Video-Konferenzen werden nicht wieder durch „echte” Meetings ersetzt werden und auch Augmented Reality in der E&W wird bleiben.

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Editorial E&W 6 – die Zeitschrift spricht
E&W 6 – Auftakt für Augmented Reality

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