Donnerstag, 21. Januar 2021
Die versteckten Kosten des Online-Booms

Ein Blick auf die Logistik

Dominik Schebach | 25.10.2020 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Der Verkehrsclub Österreich hat zuletzt auf eine Folge des Online-Booms hingewiesen, die sehr gern übersehen wird: Die steigende Anzahl der Unfälle von Klein-LKWs mit Personenschaden. Alleine in Wien ist deren Anzahl in den vergangenen fünf Jahren um 20% gestiegen. Vollkommen gegen den Trend, denn im selben Zeitraum ist die Gesamtzahl der Unfälle in der Bundeshauptstadt um 11% gesunken. Vielleicht wird es Zeit, das Logistikkonzept hinter dem Online-Handel zu überdenken und damit gleichzeitig auch eine Lanze für den regionalen Fachhandel zu brechen.

Lieferverkehr und Zustelldienste haben in den vergangenen Jahren durch den boomenden Online-Handel beständig zugenommen. Leider schlägt sich das auch in der Unfallstatistik nieder. Im vergangenen Jahr hat der VCÖ für 526 Unfälle mit Klein-LKWs mit 665 Verunglückten sowie zwei Todesopfer verzeichnet. Beide Todesopfer waren Fußgänger. In den anderen Bundesländern sind die Unfallzahlen zwar geringer, dafür hat allerdings Niederösterreich im vergangenen Jahr neun Todesopfer bei Unfällen mit Klein-LKWs verzeichnet. Und auch die anderen Bundesländer stehen – hochgerechnet auf die Bevölkerung – jetzt nicht so super da.

Das Problem ist im System grundsätzlich angelegt. Einerseits sind die Online-Händler daran interessiert, die Anzahl ihrer Kunden weiter auszubauen. Dazu machen die Onliner den Endkunden mit Argumenten wie schneller Lieferung oder kostenlosen Retouren das Shoppen im Internet besonders schmackhaft. Dafür werden Bestellungen auch geteilt, womit der Kunde zwar schneller einen Teil der Lieferung erhält, der Botendienst aber öfters fahren muss. Dh, es wird viel zusätzlicher Verkehr erzeugt. Gleichzeitig stehen viele der Fahrer von Paket- und Zustelldiensten unter großem Zeitdruck. Schließlich wollen die Lieferdienste bzw die selbstständigen Fahrer möglichst viele Lieferungen in möglichst kurzer Zeit erledigen, da sie in der Regel pro Auftrag bezahlt werden. Was sich wiederum negativ auf das Fahrverhalten auswirkt, wie der VCÖ in seiner Aussendung feststellte.

Der VCÖ schlägt zur Lösung dieses Problems ein Bündel an Maßnahmen vor. Neben einer Änderung der Arbeitsbedingungen für die Fahrer, enthält dieses die Schaffung von Micro-Hubs möglichst nah bei den Kunden zur Reduktion der Zustellfahrten, bis hin zu Druck auf die Online-Shops, damit diese ihren Kunden eine verkehrssparende Logistik als Lieferoption anbieten – z.B. durch die Nutzung von Lastenfahrrädern – gleichsam eine nachhaltige Logistikoption zur Beruhigung des eigenen Gewissens.

Ich muss sagen, dass mich die Aussendung recht nachdenklich gestimmt hat. Zeigt sich doch hier, dass der Online-Boom eben an vielen Stellen zusätzliche Kosten verursacht, die nicht sofort offensichtlich sind. Dazu gehören auch eine erhöhte Umweltbelastung durch die Logistik, aber auch die steigende Anzahl an Unfällen. Und diese Kosten trägt zu einem guten Teil die Gesellschaft und nicht der Online-Handel als Verursacher. Da wird auch die Einführung einer eigene Logistik-Option kaum etwas nutzen. Schließlich werden die wenigsten Kunden eine nachhaltige Transportform wählen, wenn diese langsamer und womöglich auch noch teurer ist, noch werden die Kunden so viel mehr zahlen wollen, damit die Lieferdienste mehr Fahrer beschäftigen. Dass Transport-Drohnen zu Lande und in der Luft eine unfallfreie Zustellung auf den letzten Kilometern ermöglichen, darauf würde ich jetzt auch nicht warten.

Das Problem sollte man deswegen aber nicht resigniert unter den Teppich kehren, sondern als Fachhändler thematisieren. Schließlich ist auch das eines der Argumente, die für den lokalen Fachhandel mit seinen Geschäften vor Ort sprechen – ganz besonders wenn dieses mit einer intelligenten Multichannel-Strategie verbunden ist. Gerade wenn es die Möglichkeit zur Selbstabholung von kleineren Produkten geht, lassen sich damit viele unnötige Fahrten der Botendienste verhindern. Was nicht nur die Umwelt entlastet, sondern hoffentlich auch die Unfallzahlen senkt. – Ganz abgesehen davon, dass damit der Kunde das gewünschte Produkt innerhalb kürzester Zeit in Händen hält.

Durch die derzeitige Corona-Situation gewinnt dieses Thema zusätzliche Aktualität. Im Frühjahr haben schon viele Fachhändler ihren Kunden während des ersten Lockdowns die Möglichkeit zur Selbstabholung an Pick-up-Points geboten. Ich denke, die Branche ist gut beraten, wenn sie die Erfahrungen aus dieser Zeit wieder hervorholt, die entsprechenden Maßnahmen weiter verfeinert und auch offensiv bewirbt.

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Der E-Commerce Boom hat auch Auswirkungen auf den Verkehr, was jetzt nicht unbedingt zum Vorteil der Gemeinschaft ist.
Der E-Commerce Boom hat auch Auswirkungen auf den Verkehr, was jetzt nicht unbedingt zum Vorteil der Gemeinschaft ist. (© Schebach)

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