Donnerstag, 21. Januar 2021
Lockdown ist nicht gleich Lockdown

Es zipft mich an!

Stefanie Bruckbauer | 29.11.2020 | Bilder | | 1  

Stefanie Bruckbauer
Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr hieß es von vielen Seiten: Ein zweiter Lockdown wäre ein Overkill. Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben. Und jetzt? Jetzt sind wir mitten drin in der zweiten Runde. Doch eines habe ich festgestellt: Lockdown ist nicht gleich Lockdown.

Ich habe festgestellt: Lockdown ist nicht gleich Lockdown. Denn: Dieser zweite, aktuelle, fühlt sich ganz anders an, als das was wir im März dieses Jahres erlebt haben. Im März herrschte tatsächlich Endzeitstimmung. Die Straßen waren wie leergefegt, ganze Städte und Dörfer wirkten wie ausgestorben. Man traute sich nur vor die Türe, wenn man wirklich in die Arbeit oder Lebensmittel einkaufen musste (insbesondere Klopapier und Nudeln, wenn Sie sich erinnern). Getroffen hat man außerhalb der eigenen Familien- bzw. Haushaltsbande niemanden. Ging man spazieren, um den Kopf freizubekommen, begegnete man vereinzelt, eilig vorbeihuschenden Gestalten, die sich mit eingezogenen Schultern wieder nachhause sputeten. Ich hatte den Eindruck, als hätte jeder ein schlechtes Gewissen, der sich ohne triftigen Grund außerhalb seiner vier Wände aufhielt. Als wäre das etwas Verbotenes. Und im Grunde war es das auch – bzw. ist es jetzt wieder.

Doch merken kann ich nichts davon. Vor eineinhalb Wochen wurde der zweite „harte“ Lockdown verhängt, geht man raus auf die Straße, fühlt es sich hingegen an wie immer. Die Autos stehen im Stau, die Leute stehen in Gruppen beieinander und stecken (ohne Babyelefant dazwischen) die Köpfe zusammen. Weil die Gastronomie geschlossen ist, isst und trinkt man jetzt halt gemeinsam im Stehen vor Tankstellen und Take-away-Buden. Aufs Abstandhalten wird vielerorts gepfiffen, es wird gedrängt und geschoben was das Zeug hält, die Leute weichen sich auch nicht mehr gegenseitig aus und die eineinhalb Meter Abstandsregel scheint aus längst vergessenen Zeiten. Rein aus der Beobachtung der Menschen heraus, scheint es, als würde es Corona nicht geben. Einzig die Maske erinnert daran.

Auch offizielle Zahlen (zb die Bewegungsdaten von Google oder von Mobilfunkanbieter A1 und Invenium) zeigen: Die Österreicher sind im zweiten Lockdown viel mehr unterwegs als sie es im Ersten waren. Vor dem ersten Lockdown im März waren werktags im Schnitt 73% der Österreicher unterwegs. Zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr wurde die Mobilität auf 46% reduziert. Im „soften“ Lockdown ab 3. November waren wieder 63% der Bevölkerung unterwegs, gefolgt von 57% im aktuellen zweiten „harten“ Lockdown.

Dass nun mehr Menschen unterwegs sind als im März, lässt sich laut Wissenschaftlern mit einem Gewöhnungseffekt erklären, der sich über viele Monate hinweg eingestellt hat. Anfang März sei die Angst vor der Pandemie noch groß gewesen. Jeder würde jemanden kennen, der an Corona stirbt, wurde uns damals drohend prophezeit. Nun heißt es: 50% der Menschen würden jemanden kennen, der sich mit dem Virus infiziert hat (was ja wohl weit harmloser ist, als die in Aussicht gestellte indirekte Konfrontation mit dem Tod). Die anfängliche Angst sei gesunken, so die Experten. Wie sehr sie gesunken ist, sieht man auch gut am Beispiel der Mariahilfer Strasse. Gemessen (von A1 und Invenium) wurde die Anzahl der Menschen, die sich zwischen 15 Minuten und 4 Stunden dort aufhielten. Am 19. November 2019, also vor rund einem Jahr, waren am späteren Nachmittag etwa 82.000 Menschen unterwegs. Am ersten Dienstag im Lockdown I gab es eine Reduktion der Mobilität von fast 90% (!), sprich, es waren nur mehr 8.000 Leute unterwegs. Am Dienstag den 17.11., also zu Beginn des zweiten Lockdowns, tummelten sich 14.000 Menschen auf der Mariahilfer Strasse, was knapp doppelt so viel ist, wie im März, und meines Geschmackes nach ein bisschen too much, dafür, dass es heißt, wir sollen zuhause bleiben und dafür, dass der Handel und die Gastronomie eigentlich geschlossen sind … (in diesem Zusammenhang frage ich mich: Was machen zigtausende Menschen auf der Mariahilfer Strasse, wenn außer Billa und Merkur nichts geöffnet hat?)

Ich traute meinen Augen nicht

Bereiche mit Artikeln, die nicht in die Kategorie „täglicher Bedarf“ fallen, wurden (mehr schlecht als recht) abgesperrt. Der vordere Bereich des Ladens wurde hingegen mit Schokolade, anderem Süßkram, billig riechender Seife, scharfen No-Name-Putzmitteln vollgerammelt und ist nun für Kunden geöffnet.

Apropos geschlossener Handel: Ich traute meinen Augen nicht, als ich zu Beginn des zweiten Lockdowns am Weg von der Arbeit nachhause bei einem Action-Markt vorbeifuhr und sah, wie Leute ein- und ausgingen. Kennen Sie „Action“? Bei diesem internationalen Non-Food-Discounter bekommen Sie alles was das Schnäppchenjägerherz begehrt: Vom Katzenspielzeug bis zur Malerausrüstung, vom Bürobedarf bis zum Putzzeug, Werkzeug, Haushaltsartikel, Kinderspielzeug, saisonale Deko-Artikel und das alles zu unheimlich (im wahrsten Sinne des Wortes) günstigen Preisen. Per Definition also eigentlich eine Art von Handel, der geschlossen haben müsste. Wäre da nicht das Regal mit der Schokolade …

Und DAS ist in meinen Augen ja die riesen Frechheit, denn in den „Action“-Filialen wurden die Bereiche, mit den Artikeln, die nicht in die Kategorie „täglicher Bedarf“ fallen, einfach abgesperrt. Der vordere Bereich des Ladens wurde hingegen mit Schokolade, anderem Süßkram, billig riechender Seife, scharfen No-Name-Putzmitteln (also allem, was dem „täglichen Bedarf“ entspricht) vollgerammelt und ist nun für Kunden geöffnet. Die nutzen das natürlich aus, denn irgendwie muss die Konsumsucht ja gestillt werden. Das Shopping-Vakuum, dass durch die Schließung des Handels entsteht, muss unbewusst scheinbar irgendwie ausgefüllt werden, selbst wenn die Leute noch so einen Blödsinn zam‘kaufen, Interessant finde ich: Unser Belohnungszentrum im Gehirn kann in Momenten „großer Not“, also in Zeiten von Konsum-Entbehrungen, scheinbar auch mit grausliger No-Name-Schokolade, stinkenden Vanille-Deos und dazu passender Seife zufriedengestellt werden. Seitens der Anbieter ist das in meinen Augen Verführung unmündiger Konsumenten, eine Zurechtbiegung von Gesetzen und eine Verarschung aller geschlossenen Handelsbetriebe. Das dagegen keiner etwas sagt (und vor allem macht) wundert mich ganz ehrlich sehr!

Manch überraschende Differenzierung

So ein Lockdown birgt ja so manche überraschende Unterscheidung. Wie wir wissen, dürfen zahlreiche Branchen offen halten: der Lebensmittelhandel, Drogeriemärkte, Apotheken, Tankstellen, Postämter und Banken, Telekomgeschäfte und Trafiken. Ebenfalls erlaubt ist das Betreten von Geschäften, „die Sicherheits- und Notfallprodukte“ anbieten. Klingt logisch. Aber wussten Sie, dass zu diesen Geschäften auch der Waffen- und Munitionshandel zählt, wie die WKÖ einer österreichischen Tageszeitung gegenüber bestätigt hat? Das ist doch absurd!

 

Absurd finde ich: Waffen darf man kaufen, Bücher nicht. (Bilder li: Siegfried Fries/ pixelio.de. Bild re: Rainer Sturm/ pixelio.de)

 

Absurd erachte ich ebenso, dass im aktuellen zweiten Lockdown auch Reisebüros offenhalten dürfen. Nicht falsch verstehen! Ich gönne denen jeden Euro und jeden buchenden Kunden, denn kaum eine Branche hat es derart erwischt mit Umsatzeinbrüchen wie die Tourismusbranche. Auf der anderen Seite: Die sind ja wohl kaum systemrelevant. Und außerdem: Wer bucht jetzt eine Reise? Und überhaupt: Sind Reisen zu touristischen Zwecken derzeit nicht eigentlich verboten? Die Reisebürobetreiber sind ja wirklich in einer bescheidenen Position, denn: Viel Kundenansturm wird es derzeit nicht geben. Dadurch, dass sie offenhalten dürfen, steht ihnen aber auch keinen Umsatzersatz zu. Das heißt: Es kommt so oder so kein Geld in die Kassen ….

Apropos „Umsatzersatz“: Auch wenn es – was die Auswirkungen der Coronapandemie betrifft – gravierende Unterschiede zwischen den Handelsbereichen gibt (eben den Modehandel, der bis zu 80% Minus einfuhr, und den zB Elektrohandel, der eher von der Pandemie profitierte bis jetzt), verstehe ich diese Staffelung beim Umsatzersatz nicht wirklich. Also ich verstehe sie schon, aber ich kann sie nicht nachvollziehen. Laut Finanzministerium wird es ja so sein, dass Handelsbetriebe für die Zeit der Schließung zwischen 20% und 60% Umsatzersatz im Vergleich zum November 2019 bekommen (da fängt es ja schon an: Warum wird das vom Umsatz berechnet und nicht zB vom Gewinn?). Ob jemand 20% oder 60% bekommt hängt von drei Kriterien ab: Vom Rohertrag der jeweiligen Branchen, von Aufholeffekten und von der Saisonalität (also auch Verderblichkeit) der Waren. Demnach bekommen Blumengeschäfte, Schuh- und Modegeschäfte 60% Umsatzersatz, da man davon ausgeht, dass sie während des Lockdowns viele Waren aufgrund der „Verderblichkeit“ entsorgen müssen. Also kaputte, verdörrte Blumen habe ich ja schon gesehen. Schimmelige Schuhe oder welke T-Shirts hingegen noch nicht. Mode unterliegt gewissen Trends, das weiß ich schon, und wenn die Sommersaison vorbei ist, lassen sich (beispielsweise) Tiger-Look-Sandalen, die nur im Sommer 2020 „in“ waren, halt nicht mehr so gut verkaufen. Die Betonung liegt auf „nicht mehr so gut“, denn im Gegensatz zu Blumen, die wirklich kaputt werden, lassen sich Gewand und Schuhe sehr wohl noch verkaufen. Man müsste sie zwar etwas günstiger hergeben, aber dann macht man halt einen „Corona-Abverkauf“, eine einmalige Aktion, die es hoffentlich nie wieder geben wird, und die man deshalb als „Besonderheit“ bewerben kann. Die Leute freuen sich und eines darf man nicht vergessen: Die wenigsten haben in den letzten 10 Monaten Gewand oder Schuhe gekauft (wie die Minus 80% zeigen). Wozu auch? Man verbrachte die meiste Zeit zuhause und das in Trainingshose und Pulli gekleidet (Sie nicht auch? 😉 ) Wo also hätte man das neue Gewand anziehen und zeigen sollen? Ergo, haben sich auch die allerwenigsten damit beschäftigt, was dieses Jahr „in Mode“, also im Trend war. Warum also nicht nächstes Jahr verkaufen? Und die Modebranche könnte sich dahingehend ruhig auch ausnahmsweise EIN Mal anpassen und nicht wie es bisher üblich war zwei Mal im Jahr die Kollektion erneuern – nur weil Mailand, London und Paris es vorgeben – , sondern „die Modetrends 2020“ vielleicht auch noch 2021 modern sein lassen. Das nur als Vorschlag (für einen Beitrag, den man zur Bewältigung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie leisten könnte) …

Aber zurück zum Thema

40% Umsatzersatz wird Unternehmen aus den Branchen Baubedarf, Sportgeräte aber auch Vorhänge, Teppiche und Tapeten zugesprochen. Und den niedrigsten Wert, nämlich 20% Umsatzersatz, bekommen Unternehmen, die Möbel und Einrichtungsgegenstände verkaufen, sowie der Handel mit Elektrogeräten. WEIL (und jetzt kommt’s) „hier kaum Wertverlust stattfindet“, so das Finanzministerium, und: „Weil es für die Qualität der Ware nicht entscheidend ist, zu welchem Zeitpunkt sie verkauft wird.“

Frage: Und bei Sportgeräten findet Wertverlust statt? Bzw. für die Qualität der Sportgeräte ist es entscheidend ist, zu welchem Zeitpunkt sie verkauft werden? Nein, sage ich! Klar werden Ski nur im Winter und Schwimmbrillen meist nur im Sommer verkauft, aber diese beiden Jahreszeiten kehren immer wieder, jedes Jahr sogar. Und die Sportgeräte, die dieses Jahr im Handel angeboten wurden, kann man auch noch im nächsten Jahr verkaufen. Dazu kommt: Dem Sporthandel geht es nicht so schlecht, dass ein höherer Umsatzersatz (als im Elektro- und Möbelhandel) gerechtfertigt wäre. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass der Sporthandel richtig profitiert von Corona. Wie man liest werden nämlich Laufschuhe, Fahrräder, Yoga-Matten, Hanteln und Gewichte samt jeweils passender Trainingsbekleidung richtig stark nachgefragt. Ganz einfach, weil viele Menschen vom vielen Zuhause herumsitzen einen echten Bewegungsdrang entwickeln.

Und nun möchte ich noch eine Frage in den Raum stellen: Was unterscheidet Vorhänge und Teppiche so großartig von Möbeln und Einrichtungsgegenständen? Na, zumindest einmal 20% Umsatzersatz! Aber ehrlich: Warum bekommen Vorhänge und Teppiche 40% und Möbel sowie Einrichtungsgegenstände nur 20%? Alle vier Produktgruppen finden sich nebeneinander in denselben Haushalten, unterliegen denselben Wohntrend-Schwankungen und erleben in etwa denselben Wertverlust. Und bei allen vier Produktgruppen ist es für die Qualität der Ware NICHT entscheidend, zu welchem Zeitpunkt sie verkauft werden. Weil Wohntrends ändern sich nicht im Monatsrythmus, sondern viel langsamer.

Ganz ehrlich?

Mir ist klar, dass es überhaupt keinen Sinn hat sich an solchen Dingen aufzuhängen. Doch wir alle tun es. Wir regen uns auf, zerreden und -diskutieren diese Themen, die aber plötzlich ganz klitzeklein wirken, sobald man sie dem eigentlichen Problem, das sich auf einer ganz anderen, viel gewaltigeren Ebene abspielt, gegenüberstellt. Ich glaube wir Menschen fühlen uns angesichts dieser Wucht und Macht, mit der dieses kleine Virus über unseren Planeten gefegt ist, unendlich klein und hilflos. Und um nicht zu verzweifeln, weil wir auf das, was da draußen in der Welt gerade passiert, so überhaupt keinen Einfluss haben, suchen wir uns irgendetwas, das greifbar ist, irgendetwas, das wir scheinbar unter Kontrolle haben, und sei es nur in dem wir darüber diskutieren, uns darüber aufregen.

Mir geht das alles mittlerweile unheimlich auf die Nerven! Oder wie unser (außen schön und) Innen-Minister so treffend sagte: „Es zipft mich an!“ Ich kann gar nicht sagen wie sehr. Und ich befürchte – ganz ehrlich – dass der Advent, Weihnachten, Sylvester, die ganze vor uns liegende, normalerweise so schöne Zeit, ganz anders wird, als wir uns das vor einem Jahr noch gedacht haben. So anders und unvorhersehbar, wie es schon (fast) das ganze bisherige Jahr 2020 war. Aber wissen Sie was? Nur noch drei Lockdowns, und dann ist wieder Sommer! 😉 … und dann ist es zumindest wieder schön warm und vielleicht hat sich dann auch endlich dieses ganze Corona-Thema ein für alle Mal erledigt.

Bilder
Im ersten Lockdown im März waren die Straßen wie leergefegt, ganze Städte und Dörfer wirkten wie ausgestorben. Es herrschte Endzeitstimmung. (Bild: Susanne Schmich/ pixelio.de)
Im ersten Lockdown im März waren die Straßen wie leergefegt, ganze Städte und Dörfer wirkten wie ausgestorben. Es herrschte Endzeitstimmung. (Bild: Susanne Schmich/ pixelio.de)

Kommentare (1)

  1. Was mich frustriert, ist: Riesensupermärkte und (internationaler) Onlinehandel verscherbeln alle Produkte weiterhin.
    Und: Stell Dir vor, es ist Lockdown und keiner hält sich dran – wie man an der Beschreibung des regen Treiben auch in Ihrer Kolumne liest. Oft sind auch Chefitäten im Vergleich zum Frühjahr nicht mehr so leicht bereit, Homeoffice zu gewähren.

    Etwas behaglicher in der Sperrsituation fühlt man sich dann, wenn weiterhin geöffnete Branchen (Waffen, Telekom-Fachhandel – als Kommentar, Reisebüros) keine Kunden haben – aber auch keinen Umsatzentgang geltend machen können. Ich hoffe, dass die Erstattung dann genauso flüssig erfolgt, wie die Versprechen der Politiker.

    Übrigens: Auch Sportartikel unterliegen Jahrestrends. Genauso wie bei TV- und sonstigen Geräten gibt es Jahresmodelle, die nächstes Jahr schon Schnee von gestern sind.

    Wenn – dann trotz aller Verhaltenswidrigkeiten – wieder offen ist: An Sonntagen bin ich garantiert in keinem Laden zu sehen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.