Freitag, 5. März 2021
Editorial E&W 1-2/2021

Krise beginnt im Kopf

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 07.02.2021 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Hier stehen wir nun also: neues Jahr, alte Misere. Die ganze Corona-Sache zieht sich wie ein Kaugummi und wird immer unerträglicher. Das mittlerweile wie eine Ewigkeit anmutende Fehlen elementarer Aspekte und Bestandteile unseres einstigen Alltags – auch und gerade der völlig banalen – lassen das ungute und mitunter beängstigende Gefühl heranreifen, hier gerade ein stückweit unseres Menschseins beraubt zu werden. Unwiederbringlich. Und das schmerzt.

Dabei handelt es sich selbst bei der Corona-Pandemie schlussendlich nur um einen – zugegeben gewaltigen – Einflussfaktor in einem ohnehin permanent ablaufenden Veränderungsprozess. Und haben wir nicht alle – Sie genau wie ich – stets fröhlich von der Veränderung als Konstante schwadroniert? Wenn wir heute daran zurückdenken, müssen wir uns wohl zähneknirschend eingestehen, in vielerlei Hinsicht doch nur hohle Phrasen gedroschen zu haben. Jetzt befinden wir uns inmitten dieser Veränderung, die wir zuvor als lapidar abgetan haben, leichtfertig und hochmütig wie sich der Mensch eben nur allzu gerne gibt.

Doch so haben wir uns den Wandel nicht gewünscht! Denn durch Covid-19 ist uns die Kontrolle entglitten: Veränderung ist für die meisten von uns solange erstrebenswert, wie sie deren Richtung und Ausmaß im Griff haben und das Ergebnis in irgendeiner Form dem persönlichen Vorteil dient – mehr Profit, kürzere Wege, schnellere Abwicklung etc. Demgegenüber bildet die „aufgezwungene” Veränderung die echte Herausforderung, wie uns die Corona-Krise gerade eindrucksvoll demonstriert. Wie wir mit dieser Herausforderung umgehen und was wir daraus machen, spielt sich – wo sonst? – im Kopf ab.

Apropos: Haben Sie noch jene vier Szenarien von Matthias Horx im Kopf, die kurz nach dem Ausbruch der Pandemie die Runde machten? Darin skizzierte der Zukunftsforscher vier mögliche Wege für die Zukunft nach der Pandemie: 1. Die totale Isolation: Der Shutdown ist zur Normalität geworden. 2. System-Crash: Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen. 3. Neo-Tribes: Die globalisierte Gesellschaft entwickelt sich wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen. 4. Adaption: Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Unternehmen in diesem Umfeld brauchen neue Geschäftsmodelle und müssen unabhängiger vom Wachstum werden. In diesem vierten, optimistischsten Szenario schafft laut Horx das gemeinsame Überstehen der Krise einen neuen, achtsamen Umgang miteinander und eine resilientere Gesellschaft.

Klingt im ersten Moment gut. Und auch andernorts wurde in Bezug auf Wege der Krisenbewältigung in der jüngeren Vergangenheit oft und gerne der Begriff der Resilienz ins Spiel gebracht: Dieser meint die Widerstandsfähigkeit des Menschen mitsamt der Möglichkeit, diese Widerstandskraft auch trainieren zu können. Krisenhafte Rahmenbedingungen lassen sich demnach zwar nicht ändern, aber man kann lernen, besser damit umzugehen. Was zunächst ebenfalls als erstrebenswert erscheint, sollte laut der Soziologin Stefanie Graefe jedoch kritisch hinterfragt werden: „Resilienz verspricht ein besseres Durchkommen durch die Krise – nicht eine Veränderung der Verhältnisse.”

Es kommt also auf die mentale Herangehensweise an – das sog. Mindset. Wie Jörg Hawlitzeck, Experte für Leadership-Mindset, in einem Zeitungsinterview ausführte, werde es in einer sich wandelnden Arbeitswelt immer wichtiger, mit Unsicherheiten umgehen zu können, als mit Fachwissen zu reüssieren. Letztlich bringt jede Veränderung auch eine gewisse Unsicherheit mit sich, weshalb sich ein näherer Blick auf Hawlitzecks Überlegungen lohnt: „ Die entscheidende Frage lautet doch: Wie wird im Kopf mit den grundlegenden Veränderungen umgegangen? Das Mindset stellt maßgeblich die Weichen, wie man sich in der neuen beruflichen Umwelt behaupten kann. Und diese hat sich in ein großes Experimentierfeld verwandelt. Unternehmensführung und -organisation entfernen sich rasant vom Gewohnten. Die tradierten Formen der Zusammenarbeit und Aufgabenerledigung sind dabei, Makulatur zu werden. Ehemals als zukunftssicher geltende Berufsbilder verkehren sich in ihr Gegenteil. Herkömmlichen Geschäftsmodellen geht die Luft aus. Der Boden unter den Füßen der Berufstätigen wankt. Die von diesem Rundumexperiment ausgehende psychomentale Belastung muss verkraftet werden. Voraussetzung dafür ist, sich einen klaren Kopf in einem Meer von Unklarem zu bewahren.” Als Basis eines stabilen Mindsets nennt der Experte „die Fähigkeit, Gedankenabläufe so zu steuern, dass innere und äußere Ablenkungen die eigene Zielverfolgung nicht sabotieren.”

Denn genau das ist, was die Digitalisierung mit ihrer enormen Geschwindigkeit, Dynamik und Durchdringung macht: uns ablenken. Partner kommen und gehen, Mitbewerber tauchen auf und verschwinden. Einmal bremst man aus, ein andermal wird man ausgebremst. Hier übernimmt man einen guten Ansatz, dort findet man eigene Ideen abgekupfert. All das ist mehr denn je „part of the game” und erfordert im Umgang damit ein entsprechendes Maß an Weitsicht und Gelassenheit – sich mit Belanglosigkeiten aufzuhalten oder in Kleingeisterei zu verlieren, kann im digitalen Zeitalter schon jenes Quäntchen Vorsprung kosten, auf das es am Ende ankommt.

In der Vergangenheit wurde oft und viel von der Digitalisierung geredet, doch erst jetzt bekommen wir eine Ahnung davon, was damit eigentlich gemeint war. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich das in Ruhe durch den Kopf gehen. Denn wie sagte der deutsche Kabarettist Andreas Rebers doch gleich: Es kommt anders, wenn man denkt!

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