Mittwoch, 12. Mai 2021
Eine unerwünschte Nebenwirkung von Corona

Das Q-Wort ist im A…

Wolfgang Schalko | 18.04.2021 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Ehe Sie sich lange den Kopf darüber zerbrechen: Gemeint ist das Querdenken. Ich schätze diese Disziplin als mentales Fitnessprogramm, das Kreativität und Pragmatismus auf mitunter höchst erstaunliche Weise miteinander zu verknüpfen vermag. Zu meinem Ärgernis kamen mit Corona irgendwann auch (gar nicht so wenige) Idioten, die den Begriff für abstruse Verschwörungstheorien und sonstigen geistigen Dünnpfiff vereinnahmten. Dennoch – oder gerade deshalb – will ich mir das Querdenken (im ursprünglichen Sinn) nicht nehmen lassen.

Querdenken ist die große Spielwiese des „Was wäre wenn”. Und wenn man die Krise wirklich als Chance begreifen will, so wie es momentan überall zu hören und lesen ist, dann darf es keine Denkverbote geben. Für mich steht fest: Es bräuchte viel mehr Quergedachtes auf der Welt. Gerade jetzt. Die Vorstellung eines Lebens nach – oder im geordneten mit – Corona schreit regelrecht danach. Es würde mich daher auch nicht wundern, wenn vieles, das heute als progressiv oder visionär gilt, schon sehr bald als altbacken oder zumindest alltäglich ausgelegt wird.

Damit ist aber nicht gemeint, sich wahllos irgendwelchen Unsinn zusammenzuspinnen, hinter jeder noch so banalen Zufälligkeit sofort die große Weltverschwörung zu vermuten oder das Schwarzmalen zum Farbanstrich des Alltags zu machen. Also all das, was die „neuen Querdenker” als Meisterleistung im Oberstübchen für sich beanspruchen (Ich erspare Ihnen an dieser Stelle weitere Ausführungen – das Internet ist schon voll genug davon). Was ich davon halte, lässt sich eigentlich nicht viel treffender formulieren, als es Christian Schachinger im „Standard” getan hat. Er schrieb in der Kolumne mit dem schönen Titel „Der Idiot hat immer Saison“: „Wir sehen schon, der Idiot hat zwar in der Geschichte der Menschheit immer Saison. Zurzeit geht es ihm unter weiteren Synonymen wie Trottel oder Depp allerdings besonders gut. Alles in der Welt ist heute so kompliziert geworden, dass es nachgerade notwendig erscheint, sich selbst einmal mehr zu verdummen. Man macht sich zum Idioten, um zumindest in den einfachsten komplexen Zusammenhängen handlungsfähig zu bleiben. Oder wie es die schwedische Philosophin Pippilotta Langstrumpf auf den Punkt bringt: „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.” Das gibt Sicherheit. (…) Die Welt befindet sich immer am Abgrund. Das führt uns zum heutigen, zum Idioten zweiter Ordnung. Der ist aggressiv blöd. Er agiert nur auf den eigenen Vorteil bedacht, gewissenlos und ohne Empathie. Sachverhalte oder Logik interessieren ihn nicht. Er lügt, betrügt, ist stolz auf seine Dummheit. Im Zweifel haut er sich selbst in die Goschen, um zu überleben, auch wenn mit ihm die ganze Gemeinschaft zugrunde geht.”

„Echtes” Querdenken ist Mehrdenken

So befremdlich es anmutet, wie rasch und mit welcher Wucht ein Begriff, dem so viel konstruktiver Schaffensdrang innewohnt, zu seinem miesepetrigen Gegenteil verkehrt werden kann, so sehr halte ich es für notwendig, das Querdenken wieder in seiner althergebrachten Bedeutung zu etablieren – und proaktiv zu betreiben!

Ein Charakteristikum des Querdenkens besteht darin, dass Ausgangssituation und Rahmenbedingungen nicht als unveränderlich hingenommen werden. Gerade in dieser Hinsicht könnte auch die Elektrobranche eine gute Portion kreativer Denkansätze vertragen. Nachfolgend drei – wie ich meine, bezeichnende – Beispiele mit steigendem Komplexitätsgrad.

Das banalste Beispiel betrifft das leidige Thema Abgaben, genauer gesagt die zwei „Dauerbrenner” Urheberrechtsabgabe und Rundfunkgebühren – kurz URA und GIS. Während hier enormer Aufwand betrieben wird, damit ein überholtes System irgendwie mit den heutigen Anforderungen Schritt halten kann (was ohnehin nur in Teilen gelingt), läge die Lösung nicht nur auf der Hand, sondern als fertiges Konzept in der Schublade – Stichwort „Haushaltsabgabe”. Einmal etabliert, ließe sich wohl auch noch manch anderer heiß diskutierter Bereich in eine solche „Medien-Flatrate” integrieren. An der Administration sowie einem praktikablen Abrechnungssystem sollte das dann auch nicht mehr scheitern.

Das zweite Beispiel ist ein sehr aktuelles: Messen. Soeben haben die IFA-Organisatoren verkündet, dass in Berlin heuer ein physischer Live-Event auf dem Programm steht – unter „Berücksichtigung aller erforderlichen, allumfassenden Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen” und einer entsprechenden Anpassung des Messekonzepts. Hierzulande muss zu den Elektrofachhandelstagen in den nächsten Wochen eine Entscheidung fallen. Die Debatte dreht sich darum, ob die Messe in der bekannten (und bewährten) Form stattfinden soll. Alternative Messekonzepte sind nach wie vor weitgehend Fehlanzeige. Doch genau diese bräuchte es, und zwar dahingehend, das Wesentliche der Messe zu ermöglichen. Anders als bei der IFA, wo die Produktinnovationen im Rampenlicht stehen, ist das bei den Elektrofachhandelstagen der persönliche Austausch – und mit jedem weiteren Tag im Lockdown wächst der Wunsch danach. Warum also nicht im Herbst in Linz etwas Außergewöhnliches auf die Beine stellen, aber nicht im Design Center, sondern am Outdoor-Bereich davor? Mit Ständen, die keine Produkte bzw bestenfalls nur zwei, drei Highlights zeigen, und sonst allein der Kommunikation dienen – eine Art „Branchen-Christkindlmarkt” im September…

Beispiel Nummer drei bezieht sich auf einen Themenkomplex, der sich am ehesten als „existenzielle Standortfrage” beschreiben lässt – die zukünftige Konstellation von Herstellern & Lieferanten, Großhändlern & Kooperationen sowie dem Fachhandel, vor dem Hintergrund, diesen als Vertriebskanal nicht nur irgendwie am Leben, sondern tatsächlich konkurrenzfähig zu halten. In Zeiten, wo Amazon mit geballter Einkaufsmacht auftritt und dadurch massiven Preisdruck ausüben kann, über der Großfläche das Damoklesschwert „zentralisierter Einkauf in Ingolstadt” schwebt (wobei eine dahingehende „Entmachtung” der Österreich-Organisation wohl auch viele Österreich-Niederlassungen der Industrie in arge Bedrängnis bringen würde, was wiederum fatale Auswirkungen auf den Fachhandel hätte) ist es beinahe fahrlässig, sich nicht mit entsprechenden Gegenentwürfen auf Seiten des Fachhandels zu befassen. Ist in einem Markt von international überschaubarer Bedeutung wie Österreich eine starke Fragmentierung perspektivisch betrachtet tatsächlich zielführend? Damit ist nicht gemeint, dass irgendjemand – weder Lieferant, noch Kooperation, noch Händler – seine Identität auf- oder abgeben sollte. Aber wäre der gesamte Kanal Fachhandel womöglich nicht besser bedient, wenn es hin und wieder übergreifende (Marketing-)Aktivitäten gäbe? Oder wenn die Kooperationen ihre Kräfte im Einkauf bündeln würden? Einfach nur „more of the same” dürfte jedenfalls auf lange Sicht keine Erfolgsstrategie darstellen…

Wie und was auch immer – wenn man alles wunderbar durchdacht und sich ausgemalt hat, dann bleibt eigentlich nur noch eines: es auch zu machen! Das stellt die letzte – und zugleich wohl größte – Hürde dar. Denn wie meinte der österreichische Aphoristiker Ernst Ferstl doch gleich: „Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis weit höher als in der Theorie.”

Bilder
(© Thommy Weiss / pixelio.de)

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