Dienstag, 28. September 2021
Kommentar

Kein Bullshit-Bingo mehr

Stefanie Bruckbauer | 12.09.2021 | Bilder | | 1  

Stefanie Bruckbauer
In den letzten Tagen häuften sich die Neuheitenpräsentationen der Industrie. Neben den neuesten Geräten wurden dabei auch die aktuellen Strategien und Wege der Hersteller vorgestellt, und ein Punkt zog sich durch wie ein roter Faden ...

Schon vor zehn Jahren wurden die Unternehmen nicht müde, in ihren Pressekonferenzen immer wieder zu betonen: „Der Fokus liegt auf Umwelt und Nachhaltigkeit“. Sie sagten es in so großer Zahl so häufig, dass meine damalige Kollegin diese Aussage (ex aequo mit „Wir stehen hinter dem österreichischen Fachhandel“) sogar an der Spitze ihrer persönlichen „Bullshit-Bingo-Liste“ führte. Heute sagen Unternehmen das Gleiche. Nur heute sagen sie das nicht bloß, weil sie denken, dass die Konsumenten das hören wollen, heute steckt dahinter eine komplexe und vor allem sehr ernst gemeinte und dringliche Konzernstrategie.

Wenn ein Hausgerätehersteller früher von „Umwelt und Nachhaltigkeit“ sprach, dann ging es in den allermeisten Fällen um eine gute Klassifizierung am Energielabel. Ganz „grüne“ Unternehmen setzten dann auch noch (einen geringen Prozentsatz) recyceltes Material in der Produktion ein, mehr steckte hinter dem damaligen Umweltbewusstsein meist aber nicht. Und heute? Wenn ein Unternehmen heute sagt, es agiert „nachhaltig“, dann geht das weit über ein A+++ hinaus. Heute agieren Unternehmen „nachhaltig“, wenn sie die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfolgen, wenn sie darauf hinarbeiten, dass ihre Werke bis 2030 CO2-neutral produzieren, wenn die Gehäuse ihrer Geräte zu 100 % aus wiederaufbereitetem Kunststoff und die Verpackungen 100 %-plastikfrei aus recyceltem Karton bestehen. Wenn sämtliche Gebäudewände begrünt, Dächer mit Solarpaneelen bedeckt und alle Standorte klimaneutral werden, wenn Luftfracht sowie Abfälle vermieden werden und auch der Ressourcenverbrauch. Und das ist erst der Anfang.

Ich finde es gut, wenn die Leute etwas tun, die Verschmutzung der Umwelt und diese gedankenlose Ressourcenverschwendung muss ja wirklich nicht sein. Ich weiß allerdings nicht, ob es klimatechnisch wirklich so viel bewirkt. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der in Sachen Klima quasi noch heile Welt herrschte. Wir hatten Winter mit Schnee ab November bis in den März hinein. In den Sommern hatte es maximal 30 Grad im Schatten und es gab auch noch einen Frühling sowie einen Herbst zu einer Jahreszeit, wie sie im Kalender steht. Ich habe allerdings schon damals in der Schule gelernt, dass sich die Erde erwärmen bzw. dass es in Zukunft heißer wird, dass sich die Klimazonen und das Wetter verändern werden. Womit damals allerdings keiner rechnete, ist, dass es dann (jetzt) irgendwann so schlagartig passieren wird.

Aber nun sind wir mal in der Situation und wir müssen irgendwie damit umgehen. „Nur“ weil die Industrie jetzt nachhaltig denkt und agiert, glaube ich nicht, dass uns das vor der Klimaveränderung schützt – diese wird im allerbesten Fall verlangsamt. Eines glaube ich aber ganz fix: Die Generation, die jetzt heranwächst, die Fridays for Future-Anhänger, die in wenigen Jahren ihren eigenen Haushalte gründen und einrichten, werden ihre Geräte und Möbel bei jenen Marken kaufen, die glaubhaft nachhaltig agieren, die einen grünen Fußabdruck hinterlassen und keine schwarz-schmierige Kohle-Kunststoff-Spur. Ich glaube: In ein paar Jahren werden nur mehr jene Unternehmen erfolgreich sein, die sich JETZT sinnvolle nachhaltige Ziele setzen – und diese vor allem „UM“setzen.

Nachtrag

P.S. Nur falls Sie Bullshit-Bingo nicht kennen: Es handelt sich dabei um eine humoristische Variante des Bingo-Spiels, die die oft inhaltslose Verwendung zahlreicher Schlagwörter in Vorträgen, Präsentationen oder Besprechungen persifliert. (Quelle: Wikipedia)

Probieren Sie es aus: Schreiben sie alle Begriffe auf, von denen Sie glauben, dass sie in einer Präsentation/ Besprechung, etc. fix vorkommen (siehe Beitragsbild). Jedes Mal, wenn einer dieser Begriffe tatsächlich gesagt wird, streichen sie ihn von Ihrer Liste.

Wurden alle Begriffe genannt und haben Sie alle Begriffe auf Ihrer Liste durchgestrichen, dann rufen Sie laut „Bingo“. Alle Kollegen, die (mit ihren eigenen Listen) mitgespielt haben, werden wissen worum es geht. Alle anderen werden sich wundern 😉

P.P.S. Lustig ist auch ein Videokonferenzen-Bullshit-Bingo. Ein paar Vorschläge für eine Liste:

  • „Könnt Ihr mich alle hören?“
  •  „Bei mir funktioniert etwas nicht“
  • „Hallo? Hallo?? Seid Ihr noch da???“
  • „Schön ist es bei Dir Zuhause“
  • „Kannst Du bitte etwas lauter sprechen“
  • „Ich fin… abe… dab… so.“
  • „Sorry, das war die Katze (bzw. das Kind)“
  • „Das Bild ruckelt auf einmal“
  • „Wer fehlt noch?“
  • „Dein Mikro ist auf stumm“
  • „Bitte nicht alle gleichzeitig reden“
  • „Cooler Hintergrund“
  • „So, da bin ich wieder“
  • „Ich hol‘ mir noch schnell einen Kaffee“
Bilder
Sie sagten es in so großer Zahl so häufig, dass meine damalige Kollegin diese Aussage (ex aequo mit „Wir stehen hinter dem österreichischen Fachhandel“) sogar an der Spitze ihrer persönlichen „Bullshit-Bingo-Liste“ führte.
Sie sagten es in so großer Zahl so häufig, dass meine damalige Kollegin diese Aussage (ex aequo mit „Wir stehen hinter dem österreichischen Fachhandel“) sogar an der Spitze ihrer persönlichen „Bullshit-Bingo-Liste“ führte.
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