Freitag, 9. Dezember 2022
Aus dem Gremium (Teil 11): Oberösterreich setzt Akzente

„Unsere Türen stehen offen”

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 20.07.2022 | Downloads | |  Menschen, Wissen
GF Harald Wintersteiger (li.) und Obmann Johann Wagner orten in der fehlenden Unterstützung der Industrie das aktuell größte Problem. GF Harald Wintersteiger (li.) und Obmann Johann Wagner orten in der fehlenden Unterstützung der Industrie das aktuell größte Problem. Rund 2.000 aktive Mitglieder zählt der Elektro- und Einrichtungsfachhandel in Oberösterreich, davon ca. 1.100 im Elektrohandel. 175 Lehrlinge bildet die Sparte momentan aus – Tendenz erfreulicherweise steigend. Dennoch gibt es Bereiche, wo der Schuh gewaltig drückt.

Mit Hubert Kastinger steht auf Funktionärsseite ein Einrichtungsfachhändler an der Spitze des Landesgremiums Oberösterreich – zugleich fungiert Kastinger als Obmann-Stv. auf Bundesebene. Dem Gespräch mit E&W stellte sich neben Landesgremialgeschäftsführer Harald Wintersteiger aber Obmann-Stv. und Elektrobranchen-Kenner Johann Wagner. Wagner hatte viel zu sagen – und stieg gleich direkt in das vordringlichste Thema ein:

Wagner: Seitens der Industrie wurden und werden nicht nur die Spannen durch die Bank drastisch gekürzt, sondern gerade auch der Support hat sich massiv verschlechtert – das ist ein Riesenthema für die Händler in Oberösterreich und wahrscheinlich in ganz Österreich. In einem aktuellen Fall geht es um einen 2.000-Euro-TV, der geliefert wurde, sich beim Aufstellen aber als defekt erwiesen hat – was für den Händler bedeutet, das Gerät wieder einzupacken, ein neues zu holen und nach dem Aufstellen noch die bürokratische Abwicklung des Schadensfalls erledigen zu müssen. Wenn es nun darum geht, die entstandenen Mehrkosten abzugelten, bekommt die Industrie plötzlich fürchterlich kleine Ohren. Daher haben wir uns zu diesem Thema – Stichwort Gewährleistung neu – auch den renommierten Linzer RA Prof. Hintermayr ins Boot geholt.

Es bräuchte ein eigenes Portal seitens der Industrie, auf das der Händler zugreifen und solche Fälle melden kann – die dann auch zeitnahe (!) abgewickelt werden. Wenn es bei einem TV heute sechs Wochen für die Abholung braucht und weitere sechs bis zur Auszahlung, dann ist der Fachhandel in der traurigen Pflicht, solche Geräte drei Monate vorzufinanzieren.

Kann man da als einzelnes Landesgremium etwas machen?

Wagner: Nein, daher müssen wir die Situation gemeinsam mit dem Bundesgremium aufzeigen und so die Verantwortlichen der Industrie zum Überdenken der derzeitigen Zusammenarbeit mit dem Fachhandel zu bewegen. Mehr können wir im ersten Schritt nicht tun und nur darauf hoffen, dass sich seitens der Industrie die jeweiligen Verantwortlichen Gedanken darüber machen, wie die Zusammenarbeit mit dem Fachhandel weitergehen soll. So wie bei Filmen die Goldene Ananas würde ich ja gerne einmal eine Händlerbefragung machen, wer der schlechteste Lieferant ist – vielleicht würde das interessante Ergebnisse bringen.

Dazu kommen noch fragwürdige Geschäftspraktiken, wenn gerade auch sog. „Fachhandelsmarken” eigene Markenstores eröffnen und die Kundendaten, die z.B. bei der Registrierung für eine Garantieverlängerung gesammelt wurden, dazu verwenden, aktiv an den Endkunden heranzugehen und am Händler vorbeizuverkaufen. Das ist unterste Schublade.

Sind auch positive Beispiele zu nennen?

Wagner: Elektra Bregenz hat eine Fachhandelschiene mit 5-Jahres-Garantie, die in puncto Qualität und Preisstabilität außerordentlich gut funktioniert. Bei Cremesso sind Vertrieb und Spanne ebenfalls top, auch Nedis oder AEG Kleingeräte kann ich jedem nur wärmstens empfehlen. Ich persönlich bin mit der Expert-Zentrale sehr zufrieden und auch bei Schäcke ist man sehr bemüht. Es gibt also schon noch Leuchttürme, aber im Grunde besteht bei fast allen dringender Verbesserungsbedarf. Daher möchte ich das Thema Gewährleistung neu auch allen Händlern wirklich ans Herz legen – der Händler hat nämlich nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte!

Gibt es weitere Themen oder Inhalte, die das Landesgremium beschäftigen?

Wintersteiger: In der Pandemie-Zeit war für den Elektrohandel die „Zwei-Klassen-Gesellschaft” während der Lockdowns wirklich schlimm und da kamen auch massivste Beschwerden von den Händlern zu uns – was völlig verständlich war, wenn der zusperren muss und zunächst nicht einmal Click & Collect erlaubt war, während der Supermarkt daneben Elektrogeräte sogar noch eigens bewirbt. Dass sich die Politik da zu keiner klaren Position durchringen konnte und es nicht gelungen ist, Chancengleichheit herzustellen, war wirklich beschämend. Wir haben das ja auch wettbewerbsrechtlich prüfen lassen, aber der Weg über die Gerichte wäre nicht aussichtsreich gewesen und auch nicht zielführend, weil es viel zu lange bis zu einer Entscheidung gedauert hätte.

Wagner: Beschämend war auch, dass von diesen Anbietern während des Lockdowns auch noch Rabattaktionen auf lagernde Elektrogeräte gemacht wurden. Was ich mir da gedacht habe, kann ich aber nicht öffentlich sagen.

Welche Schritte setzt man konkret für den lokalen Elektrohandel?

Wintersteiger: Es gibt einige Initiativen, die wir in dieser Form nur in Oberösterreich für unsere Mitglieder anbieten. Beispielsweise die Werbekampagne des Elektro- und Einrichtungsfachhandels in Print und Regional-TV, wo der Nutzen des Fachhandels vor Ort veranschaulicht wird. Weiters bieten wir spezielle Servicepakete, wie etwa geförderte „Prüfungspakete” von RA Prof. Hintermayr für die AGB des Händlers – denn diese müssen ja individuell auf den Betrieb und die einzelnen Geschäftsbereiche angepasst werden. Etwas ganz Besonderes ist auch das „TOP-Handelszertifikat” der oberösterreichischen Sparte Handel – ein Qualitätssiegel, das Handelsbetriebe durch das Erfüllen eines Kriterienkatalogs erwerben können. Die teilnehmenden Betriebe werden u.a. durch ein Mystery-Shopping überprüft und am Jahresende werden die besten ausgezeichnet.

Außerdem können unsere Mitglieder auf eine Reihe von Fördermaßnahmen zurückgreifen, die von Aus- und Weiterbildungen etwa für den geschäftlichen Einsatz von Social Media bis hin zur Beteiligung an der „OÖ Job Week”, wo geförderte Beratungen zum Thema Berufswahl bzw. Employer Branding angeboten werden, reichen. Und mit dem AMS wurde eine Kooperation gestartet, sodass die regionalen AMS-Stellen verstärkt auf die Job-Angebote und Möglichkeiten in unserem Bereich hinweisen.

Unser jüngstes Projekt, das gerade anläuft, ist eine breit angelegte Umfrage mit dem Market-Institut zum Thema Regionalität und Nachhaltigkeit. Einerseits befragen wir dabei die Händler, was sie darunter verstehen und was sie in diesem Bereich vielleicht auch schon machen. Andererseits befragen wir die Kunden, was sie bei den Begriffen Regionalität und Nachhaltigkeit erwarten. Aufbauend auf den Ergebnissen wollen wir entsprechende Service- und Beratungsangebote für unsere Mitglieder kreieren und – voraussichtlich ab dem nächsten Jahr – zur Verfügung stellen.

Wie läuft die Kommunikation mit den Mitgliedern?

Wintersteiger: Wir informieren mit Newslettern, auf unserer Homepage und natürlich über die Bezirksstellen und Funktionäre.

Wagner: Ich habe zu vielen aktiven Händlern persönlichen Kontakt. Wenn es Themen gibt, die unter den Nägeln brennen, dann greifen wir vom Gremium zum Telefon und nutzen unsere Kontakte, um die Informationen weiterzugeben. Dieser Austausch – auch der Händler untereinander – funktioniert sehr gut.

Sie sind also mit dem Status quo zufrieden?

Wagner: Was den Informationsfluss an die Mitglieder betrifft, ja. Womit wir jedoch keineswegs zufrieden sind ist das „Geraunze” vieler Fachhändler, die der Wirtschaftskammer vorwerfen, sie würde nur Geld kosten, dem Einzelnen eh nichts bringen, u.Ä. Solchen Aussagen halte ich entgegen, dass wir laufend Veranstaltungen, Vorträge, etc. machen, die für die Mitglieder kostenlos und höchst informativ sind. Nur greifen leider gerade die erwähnten Nörgler diese Angebote nicht auf und nehmen auch unsere umfangreichen Services nicht in Anspruch – es gibt übrigens sogar ein eigenes Serviceverzeichnis des Landesgremiums, wo sämtliche Dienstleistungen aufgelistet sind.

Wir wissen, was wir als Interessenvertretung können und leisten, das kommt jedoch nicht bei allen an. Aber unsere Türen stehen offen – Mo-Do von 7:30 bis 16:30 Uhr, freitags bis 13:30 Uhr – und natürlich jederzeit auch telefonisch.

Downloads
Info-Folder der oberösterreichischen Initiative Top-Handelszertifikat
Serviceverzeichnis des Landesgremiums OÖ
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