Montag, 28. November 2022
Editorial E&W 10/2022

Guten Morgen!

Wolfgang Schalko | 09.10.2022 | Bilder | |  Meinung
Oktober 2022, immer noch Krieg. Seit mittlerweile rund acht Monaten toben die russischen Aggressoren bei ihren ukrainischen Nachbarn. Geographisch betrachtet in gar nicht allzu großer Ferne, was die konkreten Auswirkungen betrifft omnipräsent in unser aller täglichem Leben. Der Krieg in der Ukraine passiert nicht vor unserer Haustür, er ist längst in unseren Wohnzimmern angekommen.

Umso verwunderlicher erscheint es mir deshalb, in welchem Dornröschenschlaf weite Teile der „Normalsterblichen” und selbst der politischen sowie wirtschaftlichen Entscheidungsträger tagein tagaus dahinschwelgen – und sich beharrlich weigern, endlich aufzuwachen und aktiv zu werden! Darüber, was wir nicht alles sollten, hätten oder bräuchten wird viel und gerne geredet, konkrete Handlungen sind hingegen leider zumeist Fehlanzeige. Dabei ist es genau das, was jetzt am Allerdringendsten notwendig wäre: Taten statt Worte. Wir – jeder Einzelne von uns – müssen endlich Verantwortung übernehmen. Im Großen wie im Kleinen. Die weit verbreitete Aussage, dass der (kleine) Einzelne am (großen) Gesamtbild ohnehin nichts ändern könne, muss endlich als das abgestempelt werden, was sie ist: eine sehr bequeme Schutzbehauptung. Denn zutreffend ist das genaue Gegenteil: Die große Veränderung beginnt stets im Kleinen. Oder um es pathetisch zu formulieren: Auch ein Ozean besteht „nur” aus vielen Wassertropfen.

„Energie” ist seit Tagen und Wochen das beherrschende Thema in den Medien und wird es wohl auch bleiben. Denn zusammen mit den damit eng verbundenen Themen „Inflation” und „Klimawandel” – der, so nebenbei bemerkt, schon vielmehr eine Klimakatastrophe ist – ergeben sich daraus die existenziellen Fragen für uns alle. Im Hier und Jetzt, viel mehr aber noch mit Blick in die Zukunft. Und dabei ist es eigentlich egal, ob und in welchem Ausmaß die Klimakatastrophe menschgemacht ist – Fakt ist: Wir müssen etwas tun.

Das sieht auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien so, die anlässlich des weltweiten Klimastreiks am 23. September in einer Presseaussendung fest hielt: „Die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen werden durch zu wenig entschlossenes Handeln angesichts der Klimakrise gemindert. Das ist ein Verfassungsbruch.” Es stehe außer Frage, „dass insbesondere das Kindeswohlvorrangigkeitsprinzip den Staat zu gesetzlichen Regelungen zum Schutz der besonders betroffenen Gruppe der Kinder und Jugendlichen verpflichtet. Klima- und Umweltschutz sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass Kinder und Jugendliche ihre Rechte auf Leben und Entwicklung, auf Schutz der Gesundheit, aber auch auf Information und Partizipation sowie auf einen angemessenen Lebensstandard wahrnehmen können.” Viele von Ihnen haben so wie ich Kinder und machen sich wohl des Öfteren Gedanken über deren Zukunft bzw. das Feld, das unsere Generation ihnen zur Gestaltung ebendieser Zukunft überlässt. Von daher scheinen auch die folgenden Forderungen, die von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien mit Verweis auf die bestehenden Gesetze und Verpflichtungen erhoben wurden, ebenso gerechtfertigt wie notwendig: Entschiedenes und rasches Handeln zur Eindämmung der Klimakrise; Schaffung besserer gesetzlicher Rahmenbedingungen zur Bewältigung der Klimakrise (insbesondere eines Klimaschutzgesetzes); Integration der wirkungsorientierten Folgenabschätzung in jeden Gesetzgebungsprozess, der Kinder und Jugendliche betrifft; Beseitigung aller Subventionen zur Förderung von Verkehrsträgern, die die Rechte von Kindern auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit untergraben; raschestmögliche und umfassende Umsetzung der Energiewende; eine Steuerreform, die das Klima schützt, Ungleichheit verringert und Armut verhindert.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet nämlich weiter als nur von A bis B zu denken. Und es bedeutet auch, das Übel an der Wurzel zu packen und nicht bloß die Symptome zu bekämpfen. Leider ist es aber genau das, was heute – wenn überhaupt – passiert bzw. auf populistischen Abwegen gerne lautstark gefordert wird. Gerne in Form von Zuschüssen, Förderungen und Ausgleichszahlungen – die „Vollkaskomentalität” lässt grüßen. Wie anders sind Forderungen wie jene des ÖAMTC zu erklären, im Gegenzug zur zusätzlichen CO2-Bepreisung ab 1. Oktober müsse die Mineralölsteuer (MöSt) zumindest im selben Ausmaß gesenkt werden.

Dass heute selbst abwegigstes Geschwurbel und augenscheinlichster Unfug salonfähig sind, mag einem Umstand geschuldet sein, den der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vor Kurzem anlässlich der Novelle der Medienförderung thematisierte: Wissenschaftsjournalismus stelle darin kein Förderkriterium dar. Der Klub verwies dabei auf Neo-Physiknobelpreisträger Anton Zeilinger, der bei seiner Auszeichnung gesagt hatte: „Ich sehe Wissenschaftsskepsis als Problem, aber das liegt auch daran, dass der Wissenschaftsjournalismus reduziert wurde. Es gibt viel weniger Wissenschaftsjournalisten und das ist nicht gut.“ Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten kritisierte, dass Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Feuilleton sowie Sport in den „Allgemeinen Förderbedingungen“ explizit genannt würden, Wissenschaft als Kriterium hingegen völlig fehle. Das sei ein völlig falsches Zeichen, denn: „Die bedenklich hohe Zahl an LeugnerInnen von Corona und Klimawandel in Österreich erhält durch die vorgesehene Unterlassung von Wissenschaft als Förderkriterium zusätzlichen Aufwind, weil diese Gruppe den Akt der Bundesregierung als Bestätigung ihrer forschungsfeindlichen Haltung interpretieren kann. Bereits jetzt liegt Österreich in der regelmäßig erhobenen Eurobarometerumfrage zu Wissenschaft und Forschung der EU-Kommission auf dem beschämenden vorletzten Platz.”

Die Frage, die ich mir angesichts des welt- und gesellschaftspolitischen Geschehens leider immer öfter stellen muss, lautet: Sind wir so dumm oder so träge? Nicht dass jetzt das Eine unbedingt besser wäre als das Andere, aber es würde mich einfach brennend interessieren. Um den Kern der Sache zu begreifen, braucht man kein höheres Studium absolviert zu haben, dafür reicht eine gedankliche Anleihe aus der Billa-Werbung: Wenn der Planet zerstört ist und der Menschheit das Wasser im wahrsten Sinne bis zum Hals steht, brauchen wir uns um Wettbewerbsfähigkeit oder Schuldentilgung keine großartigen Gedanken mehr zu machen – sagt der Hausverstand.

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