Montag, 28. November 2022
Energiekrise und Versorgungssicherheit

OVE fordert Investitionen in Energiewende und temporären Strommarkteingriff

Energiezukunft | Wolfgang Schalko | 02.11.2022 | |  Veranstaltungen, Wissen
Bei der OVE-Energietechnik-Tagung in Graz forderten die Branchenvertreter – OVE-Präsident Kari Kapsch, E-Control-Vorstand Alfons Haber und Vorstandsdirektor der Energie Steiermark AG, Martin Graf – Maßnahmen gegen die Energiekrise sowie zur Erhöhung der Versorgungssicherheit. Bei der OVE-Energietechnik-Tagung in Graz forderten die Branchenvertreter – OVE-Präsident Kari Kapsch, E-Control-Vorstand Alfons Haber und Vorstandsdirektor der Energie Steiermark AG, Martin Graf – Maßnahmen gegen die Energiekrise sowie zur Erhöhung der Versorgungssicherheit. (© OVE/C. Fürthner) Angesichts der aktuellen Energiekrise ist ein Ausbau der Erneuerbaren Energien dringender denn je. Um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft sicherzustellen, brauche es umfangreiche Investitionen in den Umbau und in die Digitalisierung des Energiesystems, forderte der OVE Österreichischer Verband für Elektrotechnik kürzlich im Rahmen der OVE-Energietechnik-Tagung in Graz. Zumindest temporär sei auch eine Entkoppelung der Strom- und Gaspreise notwendig – ein Schritt, für den man ein entsprechendes Konzept vorlegte.

Die sichere Versorgung der österreichischen Unternehmen und Privathaushalte mit Gas und Strom ist im kommenden Winter eine besondere Herausforderung. Doch auch wenn die Situation am Energiemarkt angespannt bleibt – aus heutiger Sicht ist die Versorgung über den Winter gesichert. Mittlerweile sind die Gasspeicher gut gefüllt, das Speicherziel von 80% wurde deutlich früher als geplant erreicht. Alfons Haber, Vorstand der E-Control: „Dass dies erreicht werden konnte, ist massiven Anstrengungen von allen Beteiligten zu verdanken, sei es auf der politischen oder der regulatorischen Ebene, aber auch die Marktteilnehmer haben hier einen wichtigen Beitrag geleistet. Damit kann man guten Gewissens sagen, dass die Gasversorgung im heurigen Winter aus heutiger Sicht sichergestellt ist, was vor allem für die Wirtschaft eine große Erleichterung darstellt.“

Energie wertvoll wie selten zuvor

Problematisch bleibt aber weiterhin die angespannte Preissituation. Das Einsparen von Energie müsse deshalb weiterhin im Fokus bleiben, so Haber: „Jede nicht verbrauchte Kilowattstunde Strom oder Gas war noch nie so wertvoll. Und das gleich dreifach: sie spart Geld, macht uns unabhängig und hilft dem Klima.“ Angesichts der Situation – wegen der Trockenheit gibt es weniger Strom aus Wasserkraft und in Frankreich sind Kernkraftwerke wegen Instandhaltungsarbeiten außer Betrieb – müsse die Stromversorgungssituation in Europa jedenfalls genau im Auge behalten werden, betonte der E-Control-Vorstand.

Temporärer Strommarkteingriff gefordert

Die explodierenden Energiepreise machen Sofortmaßnahmen, etwa Energiekostenzuschüsse, notwendig, um den Wirtschaftsstandort zu stärken und eine De-Industrialisierung Europas zu verhindern. Der OVE forderte neben diesen kurzfristigen Maßnahmen aber auch mittel- und langfristige Lösungen, wie zum Beispiel eine – zumindest temporäre – Entkoppelung der Strompreise von den Gaspreisen. Würden Gaskraftwerke innerhalb des Merit Order-Prinzips vom Staat gefördert, wären diese nicht mehr preisbestimmend, wodurch der Strompreis sinken würde. „Österreichs Energiewirtschaft hat bereits gute Konzepte vorgelegt. Es liegt nun an den Entscheidungsträgern, diese Vorschläge auf europäischer Ebene zu vertreten und möglichst rasch umzusetzen“, so OVE-Präsident Kari Kapsch.

Versorgungssicherheit durch Netzausbau

Um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft sicherzustellen, ist ein rascher Infrastrukturausbau notwendig. Dabei gehe es nicht nur um den Ausbau der Erzeugungskapazitäten für Erneuerbare Energien, sagte Martin Graf, Vorstandsdirektor der Energie Steiermark AG: „Für eine erfolgreiche Energietransformation und einen klimaneutralen Energiesektor brauchen wir eine leistungsfähige und zukunftsfitte Netzinfrastruktur. Die Ertüchtigung, der Ausbau und die Automatisierung und Digitalisierung der Stromnetze kombiniert mit innovativen, netzdienlichen Speichertechnologien sind wesentlich, um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft auf dem gewohnt hohen Niveau zu garantieren.“ Hierfür investieren die Energienetze Steiermark als Tochtergesellschaft der Energie Steiermark rund 1,5 Milliarden Euro in die Netzinfrastruktur, um die Integration von bis zu 2.000 MW erneuerbarer Erzeugungsleistung bis 2030 in der Steiermark zu ermöglichen. „Wer JA sagt zu Ökostrom, muss auch JA sagen zum Netzausbau. Die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, die Ausweisung von Vorrangzonen und eine investitionsfördernde Regulierungssystematik sind essenziell für die angestrebte Energiewende“, so Graf.

Fachkräfte für Umsetzung der Energiewende

Auch auf den aktuellen Fachkräftemangel in der Elektrotechnik-Branche wiesen die Experten im Rahmen der Pressekonferenz hin. Es brauche Investitionen im Bildungsbereich und Ausbildungsoffensiven, um die dringend notwendigen Nachwuchskräfte für die Umsetzung der Energiewende zu gewinnen. „Wir brauchen allgemein eine stärkere Technik-Fokussierung im österreichischen Bildungssystem und ganz konkret eine Qualifizierungsoffensive Elektrotechnik. Und zwar auf allen Ebenen, beginnend in den Schulen über Lehrberufe und Studienangebote an Fachhochschulen und Universitäten bis hin zu Weiterbildungsangeboten im beruflichen Umfeld“, betonte OVE-Präsident Kapsch.

Konzept für den Strommarkteingriff

Das Konzept der österreichischen Energiewirtschaft für einen temporären Eingriff in den Strommarkt zur Entkopplung von Strom- und Gaspreis sieht einen zweistufigen Ansatz vor, der Preisspitzen verhindern soll, bevor diese entstehen. Das beruhige die Lage und schaffe zumindest mittelfristig Planbarkeit. Wichtiger Zusatzaspekt: Der Markteingriff muss europaweit und zeitlich klar begrenzt erfolgen.

  • Erster Schritt: Alle Marktteilnehmer bieten wie gewohnt an
  • Zweiter Schritt: Angebote von Gas, Steinkohle und Öl-Kraftwerken werden gekennzeichnet und in einem zweiten Berechnungsschritt durch die Börse mit dem Zielpreis überschrieben. Die angebotenen Mengen werden dabei „eingefroren“, also nicht mehr verändert, um einen Nachfrageüberschuss zu verhindern.

Damit fossile Kraftwerke, deren Kosten über dem Zielpreis liegen, im Markt gehalten werden können, erhalten diese eine Kompensation in Höhe der Differenz von normierten Erzeugungskosten und Zielpreis.

Vorteile:

  • Marktfunktion bleibt zur optimalen Ressourcenallokation erhalten
  • Marktpreis sinkt für alle Verbraucher
  • Versorgungssicherheit ist gewährleistet (kein Nachfrageüberschuss/kein steigender Gasbedarf)
  • keine Auswirkungen auf bestehende Verträge

Allerdings seien vor einer etwaigen Umsetzung noch einige Aufgaben zu lösen:

  • komplexere Angebotsabgabe bei den Unternehmen
  • komplexere Verarbeitung aufgrund der Kennzeichnung von Gas, Kohle und Öl bei den Börsen
  • EU-Einigung inkl. Finanzierung erforderlich
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