Montag, 28. November 2022
Multimedia-Kommentar E&W 11/2022

Trügerisch und fadenscheinig

Wolfgang Schalko | 13.11.2022 | | 1  
Das Händlerdasein ist im Bereich Unterhaltungselektronik immer von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, und momentan befinden wir uns gerade wieder in einer ausgeprägten Phase des Nicht-Zuckerschleckens. Ob das Jahr 2022 noch zu „retten” ist, wage ich zu bezweifeln.

Zunächst muss man allerdings die Ist-Situation ins rechte Licht rücken: Die Einbrüche bei Um- und Absatzzahlen, die seit dem Frühjahr zu verzeichnen und dem hirnverbrannten Russland-Feldzug mitsamt dessen unmittelbaren Folgen geschuldet sind, haben die Branche im Wesentlichen dahin befördert, wo sie vor den Covid-bedingten Höhenflügen war. Man ist im Grunde „nur” wieder am Boden der Tatsachen angekommen – ohne die furchtbaren Ursachen für diese Entwicklung kleinreden zu wollen. Völlig verständlich ist es daher, dass mit allen Mitteln versucht wird, an den Wachstumspfad der vorangegangenen beiden Jahre anzuknüpfen und auf das komfortable Niveau zurückzukehren. Hoffnungsträger ist einmal mehr König Fußball – und wie wir in einem Themenschwerpunkt für diese E&W-Ausgabe zusammengetragen haben, geben sich die meisten Hersteller durchaus optimistisch und geizen auch nicht mit Aktionen und Aktivitäten in Hinblick auf die demnächst startende WM im Katar. Andere gehen hingegen auf Distanz – aufgrund der medial bereits breitgetretenen menschenrechtlichen Bedenken bezüglich des Austragungsortes.

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich mich mit beiden Positionen nicht so recht anfreunden kann. Einerseits halte ich die gesamten WM-Hoffnungen für Schönfärberei – die Lieferanten wie Händler wollen hier etwas glauben (bzw. andere glauben machen), von dem ich nicht nachvollziehen kann, wie und warum es eintreten sollte. Dass vermehrt in den eigenen vier Wänden mitgefiebert wird, mag schon stimmen, und auch, dass mit dem Black Friday sowie Weihnachten gute Kaufanlässe inkl. entsprechender Rabatte locken. Ich erachte die enorme Inflation und die grassierende Unsicherheit jedoch – leider – für die stärkeren Hebel und daher eine weiterhin schaumgebremste Konsumlaune für sehr wahrscheinlich. Noch viel weniger als den Umsatz-Optimisten kann ich auf der anderen Seite den moralbesudelten WM-Kritikern abgewinnen, die sich nun plötzlich über den Golfstaat mit seinen drei Millionen Einwohnern echauffieren. Ich weiß zwar nicht genau, was mit einem „Boykott” der Fußball-WM in Katar erreicht (oder kaschiert?) werden soll, möchte diesbezüglich aber folgende Fragen in den Raum stellen: Wo blieb der Aufschrei im Jahr 2018? Zur Erinnerung: Damals hieß der Gastgeber der Fußball-WM Russland – zu diesem Zeitpunkt befand sich das Land nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 bereits seit vier Jahren (!) im Kriegszustand mit der Ukraine. Oder wo blieb er heuer? China veranstaltete die Olympischen Winterspiele und wie es dort um die Meschenrechte bestellt ist, sorgt laufend für Negativschlagzeilen. Und wo wird der Aufschrei bleiben, wenn „durchsickert”, dass die Asien-Winterspiele 2029 in Saudi-Arabien stattfinden? Dort ist es zwar einigermaßen kalt, aber viel zu trocken – weshalb die Schneekanonen anrollen müssen. Und die Stadt für die Austragung, Neom, – natürlich eine Metroplole – muss erst errichtet werden. Schlappe 500 Mrd. Euro soll der Spaß kosten.

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Kommentare (1)

  1. Eine eigenständige Entscheidung darüber, wie hoch denn im laufenden Jahr die Verkaufsziele sein sollen (also zB vor Corona Niveau), können eigentlich nur inhabergeführte Unternehmen treffen. Alle anderen haben einen Chef: den Aktienkurs. Und wenn der Chef sagt: ihr müsst wachsen, dann rutscht der Speisebrei so lang durch die Windungen bis am Ende des Darm die WM-Hoffnungspläne rauskommen. Das ist die Krux am Handel mit an sich austauschbaren Produkten deren Haushaltspenetration bereits sehr hoch ist. Wenn der Markt auch mit Gewalt nicht wachsen will, dann ist Wachstum auf Kosten anderer Marktteilnehmer die einzige Chance, was sehr schnell auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ‚Preis‘ schlägt und somit natürlich die Margen drückt. Und mit diesen Wetteraussichten allen einen schönen Herbst! Aber vielleicht überrascht das viele genau so wie die ersten Schneeflocken des Jahres: Pardauz, mit Sommerreifen im Graben gelandet – wer hätte das gedacht. Wer sich mit all dem nicht abgeben will: raus aus dem Handel, rein in die Dienstleistung und die Kundennähe!

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