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Samstag, 15. Juni 2024
Editorial E&W 9/2023

Wenn der Funkturm schlingert

Hintergrund | Dominik Schebach | 10.09.2023 | |  
Dieser Tage habe ich ein Jubiläum gefeiert: Vor 20 Jahren bin ich gemeinsam mit meinen Redaktionskollegen zum ersten Mal für die E&W nach Berlin zur IFA geflogen. Seither hat die IFA als einer der Fixpunkte in der Branche immer einen großen Einfluss auf mein redaktionelles Jahr. Die Gezeiten der IFA haben sich regelmäßig weit voraus und auch lange nach dem Event bemerkbar gemacht. In diesen 20 Jahren hat sich aber auch die Messe massiv verändert.

Im Jahr 2005 wechselte die IFA ob der vielen Neuigkeiten in der UE vom zweijährigen Rhythmus auf eine jährliche Auflage. 2008 nahm die Messe auch die Haushaltsgeräte ins Programm, welche in weiterer Folge zu einem wichtigen Standbein der Veranstaltung wurden. In den folgenden Jahren wurde die Funkausstellung kontinuierlich größer und eilte von Rekord zu Rekord. Allerdings stellte sich auch eine gewisse Beliebigkeit ein, das Sortiment wurde größer, aber die revolutionären Neuheiten wurden seltener. Statt um große Durchbrüche ging es nun um die schrittweise Verbesserung der zuvor vorgestellten Revolutionen. Und dann kam COVID.

Die Pandemie bedeutete auch für die CE-Leitmesse eine erhebliche Zäsur. Die Messe im Jahr 2021 fiel bekanntlich vollkommen aus. Die Messe im vergangenen Jahr gab es nach der Absage einiger prominenter Unternehmen nur in abgespeckter Form. Gleichzeitig brach ein Konflikt zwischen Messeveranstalter gfu und der Messe Berlin aus. Wer in den vergangenen 18 Monaten die Beiträge in deutschen Fachmedien verfolgte hatte, fühlte sich diesbezüglich an die Diskussionen um eine Fachhandelsmesse in Österreicher erinnert. Da drohte die gfu sogar mit dem Abzug aus Berlin.

„Statt um große Durchbrüche ging es nun um die schrittweise Verbesserung der zuvor vorgestellten Revolutionen. Und dann kam COVID.“

Die Hintergründe der Auseinandersetzung kann ich von hier aus nicht abschließend beurteilen. Wollte die gfu mehr Kontrolle über die Zukunft der IFA? Hatte die Messe Berlin zu lange an überkommenen Konzepten festgehalten. Das mag Ansichtssache sein. Seit dem Jahreswechsel gibt es jedenfalls eine neue IFA Management GmbH, an der neben der gfu auch der Messeausrichter Clarion beteiligt ist. Die Stadt Berlin als Eigentümerin des städtischen Messegeländes ist dagegen nur mehr indirekt an Bord. Nun hat die IFA Management GmbH Anfang September – zugegebenermaßen unter erschwerten Bedingungen – zum 99. Geburtstag der Messe ihr erstes Gesellenstück abgeliefert und auch gleich bejubelt. – Vielleicht hätte den Veranstaltern in diesem Fall ein wenig mehr Bescheidenheit gutgetan. Jedenfalls ist die Messe noch nicht zu ihrer alten Stärke zurückgekehrt. Vor allem aber muss sich die IFA einigen drängenden Fragen stellen. Die wichtigste ist wohl die Frage nach der Gewichtung. Soll die IFA mehr eine B2B-Fachmesse werden oder will man eine Publikumsmesse als Bühne für die Innovationen der CE-Branche? Eine B2B-Messe ist sicherlich für die Aussteller billiger. Andererseits hat die IFA über die Jahre eine globale Strahlkraft entwickelt, die ihresgleichen sucht. Wenn sich Kamerateams aus der ganzen Welt auf der Suche nach den Innovationen für die Weihnachtssaison durch die Gänge schieben, dann zeigt die Veranstaltung ihre Kraft. In diesem Zusammenhang ein großes Lob an die großen WW-Hersteller aus Europa. Diese Marken haben bei ihrer Heimmesse nichts anbrennen lassen und sich wieder ordentlich ins Zeug gelegt. Aber auch die koreanischen Hersteller haben die IFA genutzt, um Flagge zu zeigen. Auch andere bei uns nicht so prominente Marken signalisierten wiederum mit ihren massiven Auftritten eindeutig „Wir wollen mehr!“ – mehr vom Scheinwerferlicht und mehr vom Kuchen. Problematisch war allerdings, dass manche Aussteller – auch solche mit bekannten Namen – eher lustlos an die Sache herangegangen sind. Wenn das Schule macht, dann ist der Spagat zwischen Welttreffen der Branche, Businessdrehscheibe, Innovationsschau und Publikumsmesse nicht zu schaffen. Und die IFA wird unsicher zwischen beiden Polen herumschlingern.

Der Berliner Funkturm gilt seit 1926 als Wahrzeichen der Messe Berlin und der IFA. (D.Schebach)

Wie immer man sich entscheidet, man muss es besser kommunizieren. Denn einiges wirkte an dieser Messe unausgegoren. Dabei ist die IFA in Berlin eine Tradition. Allein damit holt man Leute, aber auch Medien auf die Messe und schafft Atmosphäre. Das darf man nicht leichtfertig verspielen. Auch nicht durch übertriebene Erfolgsmeldungen, die jeder Besucher der IFA als solche erkennt. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit und die Fragen nach Erfolg sowie Sinn einer Messe werden lauter. Wenn sich eine Messe einmal in der Abwärtsspirale befindet, ist es nur unter großem Einsatz möglich, das Ruder wieder herumzureißen – wie wir aus österreichischer Erfahrung wissen.

Immerhin: Das 100-jährige Jubiläum der IFA scheint derzeit gesichert. Die Veranstalter und die Stadt Berlin dürften sich soweit wieder zusammengerauft haben. Dass der angedrohte Abzug der Messe vom Tisch ist und die IFA zumindest auf zehn Jahre weiterhin unterm Funkturm in Berlin stattfinden soll, hat dazu sicherlich beigetragen – und niemand wird wohl die Veranstaltung zum großen Fest sterben lassen. Diese schlechte Presse will keiner haben. Wie es danach weitergehen soll, wird allerdings aus den oben genannten Gründen spannend.

Auch aus österreichischer Sicht: Aus diesem Blickwinkel ist die IFA vor allem als Bühne für Innovationen wichtig, ja notwendig. Sie hat sich bei den Endkunden als ein Schaufenster in den Markt und auch ein wenig in die Zukunft etabliert. Ein 45 Sekunden TV-Beitrag zur Hauptabendzeit über neue TV-Modelle, Haushaltsvernetzung oder die neuesten Roboter als Hilfen im Alltag ist deswegen Gold wert, wenn es darum geht, die Neugierde der Konsumenten zu wecken. Potenziert wird das heute durch ein Trommelfeuer in den Sozialen Medien – um auch wirklich jeden mit den Neuheiten zu erreichen. Deswegen sollte uns die Funkausstellung nicht egal sein, auch wenn die IFA als B2B-Plattform für Österreich eine geringere Bedeutung hat. Die Elektrofachhandelstage sind hier das passende Format, um zeiteffizient die Achse zwischen Fachhandel und den Partnern in der Industrie sicherzustellen, sich abzusprechen und die Eckpunkte für das Weihnachtsgeschäft festzuzurren. Wir sollten diese Plattform nutzen und pflegen. Wie das Beispiel IFA zeigt, kommen selbst große Schiffe ins Schlingern, wenn man sie vernachlässigt und keinem klaren Kurs folgt.

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