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Samstag, 15. Juni 2024
Lehrlingsmangel als Kommunikationsproblem

Die Lehre und das feine Instrument der Sprache

Über den Rand | Dominik Schebach | 26.11.2023 | Bilder | | 1  Meinung
(© Peggy_Marco/pixabay) Es war ein Interview in einer Zeitschrift für Führungskräfte, welches mich zuletzt wieder über die Lehrlingsausbildung und den ganz allgemeinen Lehrlingsmangel nachdenken ließen. Denn so sehr sich Unternehmen um den wertschätzenden Umgang mit dem Nachwuchs bemühen, in der breiten Bevölkerung dürfte das noch nicht angekommen sein. Was u.a. auch in der Sprache sichtbar/hörbar wird.

Interviewt wurden eine weibliche Führungskraft und drei Lehrlinge aus einem großen Telekommunikationsunternehmen, sowie eine Vertreterin von zukunft.lehre.österreich. Dabei zeichneten die beiden Damen ein positives Bild von der Lehre mit Matura, lobten die Chancen der Ausbildung und bedauerten, dass bei vielen Eltern weiterhin ein sehr verstaubtes Bild von diesem Ausbildungsweg vorherrsche. Ein Bild, welches dem modernen Image der Lehre nicht mehr gerecht werde. Dies sorge allerdings dafür, dass viele Eltern ihre Kinder lieber auf die Uni als in die Lehre schicken .

So weit so gut. Was allerdings bei dem Interview auffiel, war wie selbstverständlich der Interviewer den beteiligten Personen einen Status zuwies. Während die beiden Damen mit „Sehr geehrte Frau XY“ angesprochen wurden, lautete die Anrede für die Lehrlinge „Lieber ABC“. In einem Interview, in dem es um den wertschätzenden Umgang mit Lehrlingen und das Image der Lehre geht, finde ich das bemerkenswert – bzw. gönnerhaft.

Für das österreichische Ohr wird die unterschiedliche Anrede nach der vorhergehenden Überhöhung der beiden Interviewpartnerinnen doppelt auffällig. Vor allem wenn die angesprochenen Lehrlinge nach den Bildern neben dem Beitrag zu urteilen bereits kurz vor Abschluss der Ausbildung stehen. Was hätte in diesem Fall gegen ein nüchternes „Herr“ gesprochen?

Die Sprache ist ein feines Instrument. Gleichzeitig verrät ihr oft unbewusster Gebrauch viel über den Sprecher. Und damit kommen wir zum Kern des Problems: Einerseits wollen wir der Lehre mehr Ansehen verleihen und werten die Lehrlinge sprachlich doch immer wieder ab, oder kommunizieren mit ihnen nicht auf Augenhöhe. Dabei stehen die Lehrlinge in ihren Betrieben ihren Mann bzw. ihre Frau. Sie sind in Ausbildung, aber sie sind im selben Augenblick wichtige Stützen für ihre Unternehmen, sie verdienen ihr eigenes Geld und sie sind die Zukunftshoffnung der Branche. Ohne gut ausgebildetem Nachwuchs steht das System.

Im Endeffekt muss die Wertschätzung gegenüber den Lehrlingen deswegen auch durchgehend in der Kommunikation zum Ausdruck kommen ­ nicht nur im Betrieb, sondern genauso in der Kommunikation in der Gesellschaft, in den Medien, der Ausbildung und schließlich im Beruf. Solange diese Kommunikation auf derselben Augenhöhe nicht geschieht, wird das „verstaubte Bild“ in den Köpfen der wichtigsten Entscheider in Sachen Berufswahl neben den Jugendlichen selbst weiterbestehen. Mit den Folgen davon kämpft die Branche jeden Tag.

 

 

Bilder
(© Peggy_Marco/pixabay)
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Kommentare (1)

  1. …. „Lieber ABC“ steht im Artikel für liebenswerte Menschen wie du und ich, „sehr geehrte Frau XY“ für Abgehobenheit und Nichtnahbarkeit, wie man es bei „Gstudierten ja des Öfteren antrifft.

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