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Mittwoch, 24. April 2024
Eh klar?

Die Sache mit dem „Hausverstand”

Wolfgang Schalko | 25.02.2024 | Bilder | |  Meinung
In Waidhofen/Thaya wird demnächst abgestimmt, ob die sechs skizzierten Windräder gebaut werden sollen oder nicht – eine Frage, die sich aus Sicht des Autors auch um den „Hausverstand” und dessen Facetten dreht. In Waidhofen/Thaya wird demnächst abgestimmt, ob die sechs skizzierten Windräder gebaut werden sollen oder nicht – eine Frage, die sich aus Sicht des Autors auch um den „Hausverstand” und dessen Facetten dreht. (© W.E.B) Manche Dinge erscheinen so naheliegend, dass man sie gar nicht erst lang und breit erklären oder hinterfragen muss – diese sagt einem der „gesunde Menschenverstand“, gerne auch „Hausverstand” genannt. Diesem Kniff hat sich schon die Billa-Werbung publikumswirksam bedient, in meinem Heimatland Niederösterreich bildet er neuerdings sogar die Regierungs-Maxime. Dabei ist der sog. „Hausverstand” nichts weiter als eine Floskel…

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle kurz erwähnt, dass in meiner Heimatgemeinde Waidhofen an der Thaya eine Bürgerbefragung über die Errichtung eines Windparks ansteht. Dieses Thema liefert nicht nur Gesprächsstoff für die hiesigen Stadtbewohner, sondern fördert auch einen Aspekt aktueller Diskussions(un-)kultur zutage, der mir mindestens so zu denken gibt wie das eigentliche Frage: Denn so sonnenklar für mich ist, dass der Ausbau erneuerbarer Energien alternativlos ist und forciert werden muss, für so unzumutbar halten andere die „Landschaftsverschandelung” durch die Errichtung von Windrädern, oder auch für alles andere als zielführend, da Windkraftanlagen die benötigte Energie ja ohnehin nicht dauerhaft bereitstellen könnten. Um Argumentationsketten abzukürzen oder komplexerer Materie auszuweichen, wird – und das muss sich wohl jeder eingestehen – dann und wann nur allzugerne auf den „Hausverstand” verwiesen. Oder wie schon der Mundl so treffend zu sagen pflegte: „Eh kloar!”

Fragwürdig

Dass dahinter ein alles andere als selbstverständliches Konstrukt steckt, wurde kürzlich in der „Science”-Sektion auf orf.at anhand einer aktuellen Studie erörtert.

Den Erkenntnissen des Forschungsteams der Universität Pennsylvania (USA) zufolge sei der Begriff „gesunder Menschenverstand” bzw. „Hausverstand” (im Englischen „common sense”) nämlich alles andere als eindeutig: Was der eine unter „gesundem Menschenverstand“ verstehe, könne jemand anderen eine völlig andere Bedeutung haben – common sense sei möglicherweise für jeden Menschen individuell, so die Studie.

Um den „Hausverstand” messbar zu machen, hatten die Forscher eine Fallstudie mit 4.407 Aussagen aus den unterschiedlichsten Themenbereichen erstellt, wie etwa: „Dreiecke haben drei Seiten.“, „Alle Menschen sind gleich.“, „Zahlen lügen nicht, wir sollten immer auf die Mathematik vertrauen.“, „Wahrnehmung ist die einzige Quelle des Wissens. Was nicht wahrgenommen wird, existiert nicht.“, „Bildungschancen müssen für alle gleich sein.“, „Eine Batterie kann nicht ewig Energie liefern.“ oder „Bei Sportveranstaltungen sollte Alkohol für Fans eingeschränkt werden.“

Von sämtlichen 4.407 Aussagen sei zuvor in unterschiedlichen Quellen behauptet worden, dass es sich dabei um „common sense” handle. In der Studie sollten die gut 2.000 Teilnehmer beurteilen, ob sie mit den Aussagen übereinstimmten und ob diese aus ihrer Sicht allgemein akzeptiert seien.

Die Studie ergab, sehr unterschiedlich wahrgenommen wird, welche Aussagen dem „gesunden Menschenverstand“ entsprechen – bei den meisten Aussagen herrschte nur sehr geringe Übereinstimmung (am noch bei bei „klar formulierten, faktenähnlichen Aussagen über die objektive Wirklichkeit“, wie z.B. „Dreiecke haben drei Seiten“), wobei interessanterweise Faktoren wie Alter und Geschlecht keinen Einfluss auf die Wahrnehmung von „common sense“ hatten.

Die Forscher wahrnehmen schlussfolgerten somit, dass der oft als universell gültig bezeichnete „Hausverstand” sich von Mensch zu Mensch unterscheiden könne und kollektiv „nur in begrenztem Maße vorhanden“ sei. Aussagen, die dem „gesunden Menschenverstand“ zugeordnet werden, seien also meist weit entfernt von allgemeingültigem und selbstverständlichem Wissen und würden viel öfter bloß in das Weltbild der Person passen, die den Begriff „gesunder Menschenverstand“ bemühe – was den „Hausverstand” mehr zum rhetorischen Mittel des Totschlagarguments als zum Ausdruck vernunftorientierten Denkens mache.

Gefährliche Falle

Als durchaus irritierend darf somit das jüngste Wissenschaftsbarometer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewertet werden, wonach 14% der Österreicher (also 1 von 7) davon überzeugt sind, dass man sich „mehr auf den gesunden Menschenverstand als auf wissenschaftliche Studien” verlassen soll.

Ich für meinen Teil ziehe draus die Lehre, bei meinem Gegenüber viel weniger als selbstverständlich vorauszusetzen, im Zweifelsfall selbst vermeintlich völlig Einleuchtendes jederzeit auch faktenbasiert im Detail zu erläutern und auch scheinbar „klare“ Aspekte in der gebührenden Komplexität auszubreiten. Wie gefährlich argumentative Abkürzungen sein können, hat erst diese Woche der freiheitliche Klubobmann im NÖ Landtag Reinhard Teufel bewiesen, der in einer via Presseaussendung erfolgten Entgegnung an die grüne Opposition bezüglich der vermeintlichen Blockade des Wind- und Sonnenstromausbaus seitens der Landesregierung betonte, „dass es besser ist heimischen [sic!] Ressourcen zu nutzen und energieautark zu werden, statt sich von einer Abhängigkeit in die nächste zu begeben“ und darauf verwies, „dass Dreiviertel der Wertschöpfung eines Windrads in den Kassen der Chinesen landen würden. Denn fast 90 Prozent aller PV-Module der Welt würden in China hergestellt.”

Und da weder zum Erneuerbaren-Ausbau noch zum Hausverstand schon alles gesagt ist: Fortsetzung folgt bestimmt…

Bilder
In Waidhofen/Thaya wird demnächst abgestimmt, ob die sechs skizzierten Windräder gebaut werden sollen oder nicht – eine Frage, die sich aus Sicht des Autors auch um den „Hausverstand” und dessen Facetten dreht.
In Waidhofen/Thaya wird demnächst abgestimmt, ob die sechs skizzierten Windräder gebaut werden sollen oder nicht – eine Frage, die sich aus Sicht des Autors auch um den „Hausverstand” und dessen Facetten dreht. (© W.E.B)
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