Besuchen Sie uns auf LinkedIn
Mittwoch, 24. April 2024
Smartphone-Watscheln auf dem Laufband

X-Walker statt Textwalker

Über den Rand | Dominik Schebach | 25.02.2024 | Bilder | |  Meinung
Smartphone-Nutzung beim Gehen hat Effekte auf den gesamten Körper – das legt eine Studie im Bewegungslabor GRAIL an der FH Campus Wien nahe. Smartphone-Nutzung beim Gehen hat Effekte auf den gesamten Körper – das legt eine Studie im Bewegungslabor GRAIL an der FH Campus Wien nahe. (© FH Campus Wien/Schedl) Dass Smartphones unser tägliches Leben beeinflussen, ist unbestritten. Selbst unsere Fortbewegung ist davon betroffen. In diesem Zusammenhang geht es allerdings nicht um Smartphone-Zombies, welche aufs Gerät starrend die Gehsteige verstopfen. Unsere technischen Begleiter haben auch Auswirkungen auf unseren Bewegungsapparat, wie die Studie einer Forschergruppe von der FH Campus Wien belegte: Smartphones verursachen X-Beine.

Breit ist der Smartphone-Gang und kurzen Schrittes. Ein Notprogramm, auf welches der Körper ob der Mehrfachbelastung durch Smartphone-Nutzung und gleichzeitigem Gehen zurückfällt. Damit verbunden eine Fehlstellung der Knie, da der Körper der schwingenden Arme zum Gleichgewichthalten beraubt, nach zusätzlicher Stabilität sucht. Aus dem Textwalker wird somit ein X-Walker.

Das war etwas verkürzt dargestellt das mediale Echo zu einer Studie von Anfang Jänner. Sebastian Durstberger, Klaus Widhalm, Peter Putz von der FH Campus Wien, waren im Gait Realtime Analysis Interactive Lab (GRAIL) der Frage nachgegangen, wie sich das Smartphone auf unseren Bewegungsapparat auswirkt. Dabei hatten sie allerdings nicht die indirekten, dafür aber traumatischen, Folgen der verminderten Aufmerksamkeit für die aufs Smartphone starrenden Verkehrsteilnehmern im Sinn – das wäre auch vom Studiendesign etwas unethisch – sondern wie Verwendung eines Smartphones beim Gehen sich auf das Gangbild auswirkt und damit langfristige Konsequenzen für den Körper haben kann.

„Ziel der Forschung war, den normalen, unverfälschten Gang jenem bei gleichzeitiger Smartphone-Nutzung gegenüberzustellen. Wir wollten herausfinden, ob sich das Gangbild verändert und es zu ungünstigen Belastungen der Kniegelenke kommt“, erklärte Projektleiter Sebastian Durstberger, Forschender am Kompetenzzentrum INDICATION und Lehrender in den Studiengängen Physiotherapie und Health Assisting Engineering der FH Campus Wien, in einer Aussendung der Fachhochschule. „Die Studienergebnisse zeigen, dass der Körper bei der Nutzung des Smartphones in eine Art Sicherheitsmodus schaltet. Während die Schrittgeschwindigkeit abnimmt, kommt es zu einer gleichzeitigen Zunahme der Schrittbreite.“

Diese kleineren, breiteren Schritte senken zwar die Sturzgefahr, führen aber auch zu einer höheren Belastung auf der Außenseite des Kniegelenks, was eine minimale X-Stellung in den Kniegelenken begünstigt. Das kann langfristig zu bleibenden Schäden führen: Knorpel und Meniskus können über Jahre hinweg an Belastbarkeit verlieren, das kann im schlimmsten Fall eine Arthrose hervorrufen, so die Prognose der Forscher nach den Versuchen auf dem Laufband.

Sprich, aus dem stolzen Schreiten der technophilen Zukunftsoptimisten wird ein Watscheln. Bevor man jetzt allerdings voll Häme aus dem OFF den ewigen Refrain der total schädlichen Auswirkungen der Technik einspielt, sollten man die Studie zuerst ein wenig genauer ansehen.

Also schnell den betreffenden Fachbeitrag herausgesucht. Dankenswerterweise haben die Autoren der Aussendung auch gleich direkt auf die Fachbeitrag im wissenschaftlichen Magazin verlinkt. Ein erstes Überfliegen des Texts vermittelte den soliden Eindruck einer Studie, welche von mehreren weiteren Wissenschaftlern in der Peer review als schlüssig befunden worden war. Gleichzeitig offenbarte allerdings das schnelle Lesen des Fachbeitrags „Effects of smartphone use while walking on external knee abduction moment peak: A crossover randomized trial on an instrumented treadmill“ mehrere Einschränkungen, welche die Autoren des Fachbeitrags auch selbst ausdrücklich angeführt haben.

  • Da ist erstens die geringe Größe der Stichprobe: Insgesamt haben 27 Personen an der Studie teilgenommen. Das ist für eine allgemeingültige Aussage zu wenig.
  • Die zweite Einschränkung betrifft das Aufgabenstellung: Die Versuchspersonen mussten für die Studie bei ihren Gehversuchen auf dem Laufband des GRAIL-Bewegungslabors eher aufwändige Kalkulationen durchführen, die einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
  • Schließlich stellt allerdings noch das Setting des Versuchs eine Einschränkung dar: Denn ein Laufband wie im GRAIL ist im Endeffekt immer noch ein Laufband, wenn es auch sehr aufwändig die natürliche Umgebung simuliert. Und Menschen bewegen sich auf dem Laufband u.U. etwas anders als auf festem Boden.

Damit wird klar. Die Autoren der Studie haben keine allgemeingültige Aussage getroffen. Die Studie zu verwerfen, wäre aber ebenso falsch. Die Forschungsgruppe hat vielmehr einen wichtigen Datenpunkt für die Beschreibung eines möglicherweise größeren Problems geliefert. Mit anderen Worten, es ist eine Vorwarnung, von der man sich weiter vorarbeiten kann. Dazu könnte man nun die Daten der Gesundheitskassen durchforsten, ob dort Knieprobleme vermehrt registriert werden (fad); viele Ärzte befragen, ob ihre Patienten über neue/andere Kniebeschwerden berichten (langwierig); oder in umfassenden Langzeitstudien die Entwicklung in verschiedenen Bevölkerungsgruppen miteinander vergleichen. – Dazu müsste man allerdings den Kontrollgruppen das Smartphone verwehren, was wiederum unethisch wäre.

Ich bin mir sicher, dass weitere Forschungsgruppen auf der Basis der Studie neue spannende Ansätze formulieren und damit zum weiteren Erkenntnisgewinn über den Menschen und sein Verhältnis zur Technik beitragen werden. Dass sich das Ergebnis der Studie inzwischen von der FH Campus Wien in einer Aussendung verarbeitet wird, welche sich wiederum als Grundlage für Berichte mit leicht humoristischem Unterton anbietet, und damit beiläufig das Scheinwerferlicht auf die Forschungstätigkeit der Institution richtet, ist Marketing – vom Feinsten.

Bilder
Smartphone-Nutzung beim Gehen hat Effekte auf den gesamten Körper – das legt eine Studie im Bewegungslabor GRAIL an der FH Campus Wien nahe.
Smartphone-Nutzung beim Gehen hat Effekte auf den gesamten Körper – das legt eine Studie im Bewegungslabor GRAIL an der FH Campus Wien nahe. (© FH Campus Wien/Schedl)
Diesen Beitrag teilen

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

An einen Freund senden