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Mittwoch, 24. April 2024
Skurrile PMs, oder: Die bunten Früchte der DSGVO

Gedanken über schurkisches WLAN, die 7 tödlichen Bedrohungen im Schlafzimmer und Heizdecken als Zeitsprung-Kokon

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 25.02.2024 | Bilder | |  Meinung
Die Auswüchse der seit 2018 geltenden DSGVO gehen mir im Großen und Ganzen auf die Nerven. Sie bescheren mir in regelmäßigen Abständen allerdings auch Skurriles und Absurdes, was mich erheitert – zumindest auf der einen Seite. Auf der anderen Seite wird mir ebenso ein grobes Problem unserer Gesellschaft vor Augen führt.

Die Idee hinter der DatenSchutzGrundVerOrdnung, finde ich ja an und für sich nicht schlecht. In der Theorie regelt die DSGVO die Erhebung und Verarbeitung aller (also auch meiner und Ihrer) personenbezogenen Daten durch in der EU tätige Unternehmen. Sie soll die Transparenz darüber zu erhöhen, wie Websites und Unternehmen mit den personenbezogenen Daten umgehen, die aus einer Vielzahl von Online-Aktivitäten gewonnen werden können.

In der Praxis sieht das Ganze heutzutage wie folgt aus: Ich „bewege“ mich im Internet und egal welche Seite ich besuche, muss ich – bevor ich überhaupt einen Blick darauf werfen kann – eine ewig lange Latte an Punkten „akzeptieren“ oder „ablehnen“. Es werden unverständliche Zwecke und die Namen unzähliger mir unbekannter Unternehmen aufgelistet, die irgendetwas mit meinen Daten (und Infos bzw Fußabdrücken, die ich im Netz hinterlasse) machen wollen, und ich kann entweder jedes Einzelne deaktivieren oder … rigoros einfach „alle akzeptieren“ und dann (in den meisten Fällen) endlich weitersurfen.

Zu Beginn habe ich mir ja noch die Mühe gemacht, habe die Datennutzungs-Bedingungen mit all ihren Unterreitern aufgeklappt und habe tatsächlich jeden einzelnen Punkt abgelehnt bzw. deaktiviert. Aus Erfahrung kann ich ihnen sagen: Das dauert ewig! Und es ist zermürbend, weil es mir so sinnlos erscheint, und mit der Zeit dachte ich mir dann immer öfter: „Was soll‘s, SO interessant können ich und mein Nutzungsverhalten ja gar nicht sein, also ‚akzeptiere‘ doch einfach alles, was die wollen!“ – und das tat ich dann auch immer öfter und tue es noch immer, mit dem Resultat, dass in mein E-Mail Postfach Tag für Tag immer noch mehr Mails flattern, von mir gänzlich unbekannten Unternehmen, denen ich aber scheinbar irgendwann einmal, im Zuge des Internetsurfens irgendeine Art von Zustimmung gegeben habe, mir etwas schicken zu dürfen. Das, was die DSGVO also ursprünglich u.a. verhindern hätte sollen (dass ich nämlich ungefragt zugespamt werde) tritt nun heftiger ein, als zuvor, und ich kann auf die Schnelle nichts dagegen tun, weil ich ja zuvor scheinbar irgendwann meine Einwilligung dazu gegeben habe. Natürlich könnte ich jedem einzelnen Absender nachgehen, nach dem einen (meist gut versteckten) Link suchen, mit dem ich mich vom Empfang „abmelden“ kann, aber ganz ehrlich? Schneller ist es, wenn ich die Mails weiterhin bekomme und einfach lösche.

Das Gesetzesmonster, das mich und meine Daten eigentlich schützen soll, geht mir also nur auf die Nerven. Und eine Zeit lang regte mich das auch auf. Mittlerweile bin ich allerdings abgestumpft, lösche und sperre Tag für Tag fast schon automatisiert unzählige Versender von Informationen und lebe halt damit… Ein erheiternder Lichtblick inmitten dieser resignativen Situation, sind immer häufiger reinflatternde, an Skurrilität kaum zu übertreffende Aussendungen, die ich von Mail-Adressen mit der Endung „the worlds media“ bekomme. Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob all das tatsächlich ernst gemeint ist – andererseits: Warum sonst sollte jemand diesen Aufwand betreiben und Woche für Woche doch recht umfangreiche Texte (die ja auch jemand schreiben muss) verschicken? Das Interessante ist: Der Kern der Inhalte ist meist wahr, doch die Art und Weise der Aufmachung, die maßlos übertriebene Beschreibung und höchst reisserische Formulierung ist fast einzigartig – absurd!

„Experten“ warnen, dass „bösartige QR-Codes Benutzer zu schurkischem WLAN führen“ können. (Bild: Pixabay)

„Bösartige QR-Codes führen Benutzer zu schurkischem WLAN“

Die erste Aussendung, mit der mich „the worlds media“ dann endgültig in seinen Bann gezogen hat (mittlerweile sammle ich sie ja alle in einem eigenen Ordner), begann mit der Ankündigung „fesselnder Tech-News, die die Augenbrauen meines Publikums hochziehen könnten“. Der Titel lautete: „Bösartige QR-Codes führen Benutzer zu schurkischem WLAN“ (ganz ehrlich: So etwas kann man doch nicht einfach ungelesen löschen! Oder was sagen Sie?) und darunter stand: „Obwohl QR-Codes wie harmlose, unschuldige schwarz-weiße Quadrate erscheinen, ist ihr Schadenspotenzial enorm. ‚QR-Codes können ein Tor zum Spielplatz eines Cyber-Predators sein‘, warnt ein führender Experte für Bedrohungsprävention.“

Es geht also um die Links, die man mittels QR-Code öffnen kann, und die (geht es nach eben erwähntem Experten) „eine erhebliche Bedrohung für die digitale Sicherheit“ darstellen. „Getarnt als legitime Netzwerke, locken sie ahnungslose Geräte zur Verbindung und gewähren Hackern sofortigen Zugriff auf sensible Daten. Sobald sie gefangen sind, wird jede Online-Aktivität in diesen Netzwerken riskant.“

Über „bösartige QR-Codes“ könnten Menschen also dazu gebracht werden, „sich mit schurkischem WLAN zu verbinden“ oder „gefährliche Software auf ihre Geräte herunterzuladen“, was natürlich „ein Spektrum an Sicherheitsrisiken birgt„. So könnten Hacker Daten klauen oder man könnte sich Schadsoftware auf die eigenen Geräte holen.

Die „Experten“ raten: „Bleiben Sie wachsam“, und um „schurkische WLAN-Netzwerke zu entlarven„, empfehlen sie:

  • Überprüfen Sie den Netzwerknamen: Illegitime Netzwerke haben oft Namen, die den echten Hotspots ähneln, um Benutzer zu täuschen. Das Erkennen von Unterschieden kann ein Warnsignal sein.
  • Bewerten Sie die Signalstärke: Eine konstant volle Signalstärke, unabhängig von Ihrem Standort, könnte ein Zeichen für ein schurkisches WLAN sein.
  • Prüfen Sie die Authentizität: Ein kostenloses WLAN-Netzwerk an einem unerwarteten Ort sollte mit Misstrauen betrachtet werden.“

Die 7 tödlichen Technologien im Schlafzimmer

Fast noch besser ist die Aussendung von „the worlds media“ mit dem Titel „Experte warnt vor diesen 7 tödlichen Technologien im Schlafzimmer“. Es geht darum, dass sich im Schlafzimmer, „der Oase des Komforts, potenzielle Todesfallen verbergen“ können.

Als „potenzielle Todesfalle Nr. 1“ entlarvt wurde in diesem Zusammenhang der „WLAN-Router über dem Kopf“, der „eine Art von Energie namens elektromagnetische Strahlung“ nutzt, die „krank, schlaflos und depressiv“ macht.

Die „tödliche Bedrohung im Schlafzimmer“ schlechthin: Der WLAN Router.

Todesfalle Nr. 2 sind elektrische Heizdecken, diese können nämlich zu Bränden und „unbeabsichtigter Überhitzung des Körpers“ führen. (Mehr dazu später)

Todesfalle Nr. 3 sind Mobiltelefone. Deren blaues Licht führe zu „gestörten Schlafmustern“, was sich negativ auf die allgemeine Gesundheit auswirke. Zudem erhöhe „die Nähe des Mobiltelefons zum Gehirn“ das Risiko für die Entwicklung von Hirntumoren.

Bei „smarten Kissen und Betten“ handelt es sich um Todesfalle Nr. 4. Denn, diese „stellen eine Verbindung zum WLAN her und erzeugen elektromagnetische Felder, die dieselben Bedrohungen darstellen wie Router über dem Kopf“. Zudem beeinflussen eben erwähnte „elektromagnetische Felder“, die vielen kleinen elektrischen Signale, die unser eigener Körper erzeugt, was wiederum ein enormes Gesundheitsrisiko darstelle.

Todesfalle Nr. 5 – Luftreiniger. Bestimmte Modelle können „übermäßig viel Ozon freisetzen“, was zu Atemproblemen und sogar „möglicherweise zum Tod“ führen könne. Bis es allerdings soweit ist, setzen Ihnen noch „Aceton, Ethanol und Toluol schwer zu“, deren Gehalt in der Luft von „Ionen-freisetzenden Luftreinigern deutlich erhöht“ werde.

Bei Todesfalle Nr. 6 handelt es sich um Schlaftracker, diese rufen nämlich „Angstzustände und Schlaflosigkeit“ hervor. Warum? Ganz einfach: „Wenn man bereits unter Schlafstörungen leidet, dann kann ein Gerät, das aufzeigt, wie schlecht man schläft, Stress bereiten“. Zudem können Schlaftracker zu „Orthosomnie“ führen. Klingt eindeutig tödlich, ist es aber nicht. Als „Orthosomnie“ wird die zwanghafte Jagd nach dem perfekten Schlaf bezeichnet. Der Begriff wurde in Anlehnung an „Orthorexie“ gewählt, eine Erkrankung, bei der Personen zwanghaft auf gesundes Essen fixiert sind.

Bei Todesfalle Nr. 7 handelt es sich um „Persönliche Massagegeräte“ (ich kann nur vermuten was konkret damit gemeint ist 😉 ). Diese können „angeschlossen“ und „bei unsachgemäßer Verwendung schwere Verletzungen, Stromschläge oder Brände verursachen“. Zudem kann die Verwendung „vor dem Schlafengehen zu Problemen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Muskelkater, Blutergüssen oder Blutungen, Müdigkeit, Schwindel, emotionalem Unbehagen (Angst), Ohnmacht und Hautreizungen führen“.

Heizdecken als „Zeitsprung-Kokon“

Heizdecken wie diese könnten sich als „Zeitsprung-Kokon“ entpuppen.

Alles schlägt, meiner Meinung nach, folgende Aussendung: „Elektrodecken verändern die Wahrnehmung der Zeit“ – ja, Sie haben richtig gelesen. Der Schlüssel liege „im Verständnis des zirkadianen Rhythmus unseres Körpers“. Der „zirkadiane Rhythmus“ (unsere innere Uhr, auf gut Deutsch) reguliert unseren Schlaf-Wach-Zyklus, wobei Temperaturen „eine entscheidende Rolle bei der Einstellung dieser biologischen Uhr“ spielen. „Die Auswirkungen von Wärme auf unsere innere Uhr sind manchmal ziemlich verwirrend“, wird ein angeblicher Experte zitiert. „So fördern niedrigere Temperaturen den Schlaf und signalisieren dem Körper, dass es Nacht ist. Wärmere Temperaturen hingegen wecken den Körper und deuten auf Tageslicht hin“. Im Fall der Heizdecke bedeutet das: „Das Schlafen in der Wärme einer Heizdecke verzerrt die Körperwahrnehmung von Tag und Nacht, indem sie die mit dem Tageslicht verbundene Wärme nachahmt.

Hinzu komme, dass „die, von der Heizdecke ausgesendeten niederfrequenten elektromagnetischen Felder unser Zeitgefühl beeinflussen“, und alles in allem mache „Heizdecken zu einem Zeitsprung-Kokon“. „Indem Sie sich in eine konstante Wärme einhüllen, könnten Sie Ihren Körper dazu verleiten zu glauben, es sei ein ewiger Sommernachmittag. Folglich könnten Sie ein Gefühl der Zeitdesorientierung hervorrufen oder den Überblick über die Zeit vollständig verlieren“, so oben erwähnter Experte, der mahnt, Heizdecken unbedingt „mit Bedacht“ zu verwenden. Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang auch „Aufklärung“, denn dies sei „ein entscheidender Schritt, um das Zeitgefühl und den zirkadianen Rhythmus beizubehalten“. Zum Abschluss gibt es noch einen gut gemeinten Rat (sic): „Schätzen Sie die Wärme, aber seien Sie sich der verborgenen Uhr bewusst, die die Heizdecke in Ihnen ticken könnte.

Spiegel unserer Gesellschaft

Für mich ist das ja ein Spiegel unserer Gesellschaft, ein Paradebeispiel für die um sich greifende Verblödung. Sehen Sie sich doch mal um in den Sozialen Netzwerken, also auf Facebook, TikTok, Instagram & Co. Erschreckend viele Menschen verbreiten ihren geistigen Durchfall und eine noch viel erschreckendere hohe Zahl an Leuten nimmt das unhinterfragt auf, glaubt den Schmarrn tatsächlich und verbreitet ihn auch noch ungefiltert weiter – an viele viele mehr. In meinen Augen ist diese Entwicklung ein gewaltig großes Problem unserer Zeit, und es wird noch schlimmer, befürchte ich. Warum ich das glaube? Weil ich überzeugt davon bin, dass es für einen Menschen und dessen geistigen Zustand nicht gerade förder

Es gibt immer mehr Kleinkindzubehör mit integriertem „Unterhaltungsdisplay“ bzw. Halterung für’s Smartphone. (Bild: Screenshot Temu)

lich ist, wenn dieser schon ab dem Kleinstkindalter vor einen Bildschirm gesetzt wird, um beschäftigt zu werden. Aber genau das passiert – immer öfter. Ich sehe kaum noch Eltern, die sich mit ihren Kindern beschäftigen, mit ihnen spielen, sie kreativ fördern. Stattdessen sehe ich Putzis, die bereits im Kinderwagen mit geröteten Augen vor Displays sitzen, und mit leerem Blick irgendwelchen verblödeten Zeichentrickfilmchen folgen. Und ihre Eltern? Die sitzen daneben, selbst mit dem Handy bzw. Tablet beschäftigt – entweder irgendetwas likend, weiterleitend oder noch verblödetere Kurzfilmchen konsumierend. WAS soll sich daraus entwickeln? Eine geistig hochentwickelte Kultur, mit einer intelligenten Gesellschaft, bestehend aus schlauen, kritisch denkenden Individuen, wahrscheinlich eher nicht. Und damit das auch ganz sicher nicht passiert, gibt es nun den „intelligenten Kinderwagen“, über den ich (Sie dürfen raten – genau!) von „the worlds media“ informiert wurde.

Elternschaft neu definiert

Der „intelligente Kinderwagen“ hat scheinbar das Zeug dazu, „Elternschaft wirklich neu zu definieren, das Leben von Müttern zu erleichtern und komfortabler zu gestalten sowie Familienstrukturen zu verändern.“ Und wie macht der „intelligente Kinderwagen“ das? Mit seinen „fortschrittlichen Technologien“ natürlich, und diese umfassen „ein fortschrittliches Federungssystem für eine sanftere Fahrt, automatische Bremsen, Klimakontrollsysteme“ und (jetzt kommt‘s!) „eingebaute Unterhaltungsdisplays und sogar Smartphone-Konnektivität, um Eltern die Fernüberwachung bzw. -steuerung des Kinderwagens zu ermöglichen“ … ich frage mich nur, wer den Kinderwagen dann fährt …!?

Also wenn dieses Ding wirklich Einzug hält in die Familien von heute und sich als „Elternersatz“ etabliert, dann … ja was „dann“ eigentlich …. hmmmmm, … ich glaube, dann lege ich mich, samt Mobiltelefon und Schlaftracker, zugedeckt mit einer Heizdecke unter einen WLAN-Router, aktiviere den Luftreiniger – und warte ab was passiert 🙂

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