Sonntag, 25. August 2019
Angesichts „undenkbarer“ Extremfälle

Strategisches Paradoxon

Hintergrund |Dominik Schebach | 26.05.2019 | |  
Die vergangene Woche war ein Lehrbeispiel dafür, wie schnell scheinbar sichere Fundamente eines Marktes zusammenbrechen können. Denn mit einer Entscheidung des US-Präsidenten ist plötzlich die Zukunft von Huawei als Smartphone-Lieferant fraglich. Mir geht es hier allerdings nicht um die Chancen und Risiken für Huawei bzw dessen Kunden an sich. Vielmehr möchte ich mich deswegen einem Phänomen widmen, das ich immer öfter beobachte. Nämlich, dass sich viele Konzerne ohne Not auf eine immer kleinere Anzahl großer Partner konzentrieren.

Die Folge ist immer dieselbe: Solange Schönwetter herrscht, und alles seinen gewohnten Gang geht, wird diese Konzentration offensichtlich finanziell belohnt. Außerdem ist es eben einfacher, mit wenigen großen Partnern zu verhandeln. In dem Moment, wo der eine entscheidende Partner ausfällt oder auch bloß ins Schlingern gerät, beginnen allerdings die Schwierigkeiten. Denn natürlich ist es fast immer unmöglich, so einen großen Partner ad hoc zu ersetzen. Im Extremfall steht auf einmal das gesamte Unternehmen auf dem Spiel. Das erfüllt für mich alle Definitionskriterien schlechter strategischer Planung. Denn offensichtlich werden solche katastrophalen Ausfälle, selbst wenn sie absehbar sind, in der Planung nicht berücksichtigt, weil sie eben nicht passieren dürfen/können – zumindest nicht in der Vorstellung der verantwortlichen Manager.

Wohin das führt, kann man derzeit sehr gut in der US-Luftfahrtbranche sehen, um jetzt nicht das offensichtliche Beispiel herzunehmen: Dort gibt es einige große Carrier, die seit Jahren eine Buy-American-Politik verfolgten. Von Boeing wurden diese Unternehmen mit satten Rabatten belohnt, die Wartung und Ersatzteilhaltung wurde damit vereinfacht, ebenso wie die Schulung der Piloten. All dies wirkte als Verstärker, um sich noch mehr auf diesen einen Lieferanten zu konzentrieren.

Nach dem Debakel von Boeing mit seinen jüngsten Jet, der 737 Max, steht nun ein nicht unbeträchtlicher Anteil dieser Luftflotten am Boden – und das seit Wochen. Es kommt zu Flugausfällen und alte Jets, mit höherem Spritverbrauch sowie Wartungskosten, müssen länger in Betrieb gehalten werden, usw. Schlimmer noch: Piloten und Passagiere lehnen inzwischen das Flugzeug ab. Dh, selbst wenn die Luftfahrtbehörden wieder eine Freigabe erteilt haben, werden Linien mit Boeing-Flotten mit dem Vertrauensverlust ihrer Kunden zu kämpfen haben. Und da es hier nicht bloß um eine kurzfristige Konsumentscheidung für ein billiges Flugticket geht, sondern diese auch profunde Auswirkungen haben kann, wer riskiert schon gerne für einen Urlaub in Florida sein Leben, wird man diese Auswirkungen noch länger spüren.

Das Perverse daran ist natürlich, dass dieses Debakel niemals hätte passieren dürfen. Die Luftfahrtindustrie rühmt sich zu Recht ihrer Sicherheitsstandards. Trotzdem sind zwei dieser Boeings abgestürzt, weil der Konzern nicht nur bei der Entwicklung geschlampt, sondern auch Warnungen und Rückmeldungen von Piloten in den Wind geschlagen hatte. Das war bisher unvorstellbar. Trotzdem ist es geschehen, und die betroffenen Luftlinien stehen jetzt vor den Scherben ihrer Strategie, weil sie sich eben für einen kurzfristigen finanziellen Vorteil von einem Lieferanten abhängig gemacht haben.

Diese Ausrichtung auf einen oder zwei zentrale Partner passiert natürlich nicht nur auf der Lieferantenseite, sondern auch auf der Seite der Vertriebskanäle  – was für mich ebenso unverständlich ist und im Endeffekt für mich ein strategisches Paradoxon darstellt. Schließlich sind „undenkbaren Extremfälle“ gar nicht so selten.

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