Mittwoch, 17. Juli 2019
Multimedia-Kommentar E&W 7-8/2019

Kronach-Gate und das fröhliche Leichenfleddern

Multimedia |Wolfgang Schalko | 07.07.2019 | |  
Wir Medien sind verdammt. Verdammt dazu, verbreitungswürdige Inhalte zu identifizieren und packende Storys „aufzureißen”. Im Sinne des Zeitungsmacher-Spruches „Only bad news are good news” ist das, was gerade mit Loewe passiert, natürlich ein gefundenes Fressen. Allerdings wird beim momentanen medialen Ausschlachten die Leiche schon gefleddert, bevor der Organismus überhaupt (völlig) tot ist.

Zugegeben, es sind gleichsam schwierige wie turbulente Zeiten für den Traditionshersteller Loewe (E&W berichtete mehrfach) und die letzten Wochen und Monate waren für alle Beteiligten wohl ebenso kein Zuckerschlecken wie es die nächsten sein werden. Insbesondere, da zahlreiche (deutsche) Medien sofort und mit großem Eifer begannen, im sprichwörtlichen Dreck zu wühlen und immer tiefer in den Kronacher Wunden herumzustochern. So wurde eine Reihe von Dingen ans Tageslicht befördert, die man seitens der Unternehmensführung wohl gerne geheim gehalten bzw zumindest nicht an die große Glocke gehängt hätte. Obwohl – oder gerade weil – sie innerhalb der Branche höchst interessant und relevant sind.

Um den Leidensweg der Kronacher nachzuzeichnen, sprechen allein die offiziellen Pressemitteilungen des heurigen Jahres Bände. Insgesamt fünf an der Zahl, davon eine Produktankündigung der TV-Serien bild 1 und 2, lauten die Titel der restlichen vier: „Meilenstein in der Neuausrichtung der Loewe Gruppe” (21.02.), „Loewe treibt Zukunftskonzept voran” (27.03.), „Loewe forciert Zukunftskonzept durch Sanierung in Eigenverwaltung” (03.05.) und zuletzt „Loewe wechselt in das Regelinsolvenzverfahren” (25.06.). Merken Sie was? Genau, man muss kein Pulitzer-Preisträger sein, um hier intuitiv nachbohren zu wollen… Gerade auch, was die Ursachen für die Insolvenz angeht: Stimmen aus dem Handel meinen, das Sortiment sei sukzessive und damit schlussendlich zu sehr in die Breite gegangen und das Management habe sich zusehends zu ähnlicher Überheblichkeit hinreißen lassen, wie sie schon zum ersten Fall geführt hatte (dass der rettende Investor von 2014, Mark Hüsges, die Loewe-Geschäftsführung ausgerechnet Ende 2018 abtrat, sei hier nur – unkommentiert – am Rande erwähnt). Offenbar hatte Loewe aber ein viel tiefer greifendes strukturelles Problem: Laut Insolvenzverwalter Rüdiger Weiß hatte Loewe „schon seit Jahren einen defizitären Geschäftsbetrieb“ und alle im Unternehmen seien sich einig, „dass die Vergütungsstruktur nicht angemessen ist.” Allein um die Personalkosten zu decken hätte man einen Jahresumsatz von 150 Mio Euro gebraucht, für eine schwarze Null 180 Mio – tatsächlich seien es zuletzt 120 Mio gewesen. Dass Loewe für die Freistellung der 400 Poduktionsbediensteten per 1. Juli heftige Kritik der Gewerkschaft einstecken musste ist ebenso naheliegend wie der Umstand, dass eine Fortführung mit der 10- bis 15-köpfigen Kernmannschaft, die den Investorenprozess voranbringen soll, nicht unbegrenzt möglich ist. Maximal vier Monate bleiben laut Weiß noch, um unter den angeblich fast zehn Interessenten den neuerlichen Rettungsanker zu finden. Ich bin dafür, Loewe diese Zeit zuzugestehen. Aber es sollten ohnehin beide Seiten selbst wissen, wann es genug ist.

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