Sonntag, 9. August 2020
„Es geht mir jetzt richtig gut“

Thomas Pöcheim im Interview – Teil II

Die Branche | Stefanie Bruckbauer | 10.04.2020 | |  
Im 2. Teil des Interviews wirft Thomas Pöcheim einen Blick auf den traditionellen EFH sowie auf die Zukunft des Handels. Er spricht über Begegnungen sowie über seine Zeit nach MediaSaturn. Im 2. Teil des Interviews wirft Thomas Pöcheim einen Blick auf den traditionellen EFH sowie auf die Zukunft des Handels. Er spricht über Begegnungen sowie über seine Zeit nach MediaSaturn. Für die April-Ausgabe der E&W sprachen wir mit dem ehm. MediaSaturn Österreich CCO/GF Thomas Pöcheim. Im ersten Teil des Interviews (das Sie ebenso auf elektro.at finden) ging es um die teils massiven Veränderungen bei MediaSaturn. Im zweiten Teil des Gespräches wirft Pöcheim ua. einen Blick auf den traditionellen Elektrofachhandel sowie auf die Zukunft des Handels. Er spricht über Begegnungen sowie über seine Zeit nach MediaSaturn.

E&W: Wird der „kleine“ traditionelle Elektrofachhandel von MediaSaturn ernst genommen? Spielt er als Mitbewerb eine Rolle?

Thomas Pöcheim: Die Kollegen aus den anderen Ländern meinten immer scherzhaft, dass wir in Österreich keinen Mitbewerb hätten. Das sehe ich persönlich nicht so, denn es gibt in Österreich ein sehr dichtes Netz an kleinen traditionellen Elektrofachhändlern, und die haben sehr wohl Gewicht.

Aus Sicht von MediaSaturn spielt der „kleine EFH“ schon eine Rolle. Vor allem vor Ort, also für den benachbarten MediaMarkt oder Saturn, da natürlich alle Händler in der Region vom Kuchen mitnaschen. Dementsprechend haben wir das auch „oben“ in der Zentrale beobachtet und immer wieder kritisch analysiert.

E&W: Was sagen Sie zur Rolle der Elektro-Kooperationen in Österreich?

Thomas Pöcheim: Vor einiger Zeit führte ich ein interessantes Gespräch, in dem es darum ging, dass es doch ein schlauer Schachzug der drei Elektrokooperationen wäre, sich zu einer großen Gemeinschaft zusammenzuschließen. Eine Bündelung der Kompetenzen würde tatsächlich große Chancen bergen, wie ich glaube. Ich finde diesen Gedanken sehr spannend. Er ist zwar nicht wirklich zu Ende gedacht, aber es ist zumindest einmal „anders“ gedacht.

Abgesehen davon denke ich, dass sich auch die Kooperationen stark verändern und anpassen müssen. Sie müssen dabei – wie MediaSaturn – allerdings aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigen und dabei den Markt übersehen, der sich rundherum verändert. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sie übrigbleiben.

E&W: Welche großen Herausforderungen sehen Sie auf den stationären Handel zukommen?

Thomas Pöcheim: Ertragsverlust und Kostendruck – das ist das Horrorszenario: Man verdient nichts mehr an der Ware und die Kosten steigen. Dazu kommen Transparenz und Vergleichbarkeit. Soll heißen, der Kunde sieht und weiß alles, und er ist knallhart. Wenn man es als stationärer Händler in dieser Situation nicht schafft Wertschöpfung an anderen Stellen zu generieren, einen Mehrwert (zB über den Menschen) zu schaffen und den Kunden über Services zu vermitteln, dass es Sinn macht stationär einzukaufen, dann hat man ein Problem. Und ohne einer durchdachten Onlinestrategie, hat ein stationärer Händler meiner Meinung nach künftig sowieso keine Chance mehr.

Die sinnvolle, nutzerfreundliche Verzahnung von Off- und Online ist essenziell! Denn wenn ein Händler in der Customer Journey eines Kunden, die ja online beginnt, nicht aufscheint, dann wird er nicht gefunden und dann ist er früher oder später weg vom Fenster. Es reicht nicht aus, auf Geizhals mitzuspielen, denn nicht jeder Kunde informiert sich auf dieser Plattform. Geizhals ist in meinen Augen auch nicht Teil einer Customer Journey. Geizhals ist eine Vergleichsplattform, die es als Einzige geschafft hat, sich hierzulande zu etablieren. Viele in der Branche glauben, dass diese Plattform der große Heilsbringer ist. Dabei muss man immer im Hinterkopf haben, dass Geizhals eine sehr schlaue Gelddruckmaschine ist, mit der sich die Betreiber auf Kosten der Händler eine goldene Nase verdienen.

E&W: Sie bezeichnen das Internet als riesen Chance für den stationären Handel. MediaSaturn war ja sehr spät dran mit dem Einstieg ins Onlinebusiness…

Thomas Pöcheim: Ein großer strategischer Fehler von MediaSaturn war es, 2007 den Onlineshop in Deutschland vom Netz zu nehmen. Es dauerte rund drei Jahre bis man 2010 wieder Online ging. Tatsächlich verloren hat man durch diesen Schritt jedoch fünf bis sechs Jahre, denn man schmiss bis dahin gemachte Erfahrungen einfach weg und die mussten wieder aufgeholt werden. Aber Jammern hilft nicht! Es ist passiert. Zur damaligen Zeit galt: Je größer bzw. je mehr Fläche, desto besser. Man träumte von 20.000 m2 großen Märkten und das wollte man durch einen Onlineshop nicht torpedieren und gefährden. Dass an dieser Stelle jedoch schon der Zenit der stationären Flächen erreicht war und dass man an diesem Punkt mit einem Onlineshop hätte anknüpfen müssen, konnte zu der Zeit keiner wissen.

E&W: Amazon und Alibaba: Was sagen Sie zu den großen Internet Pure-Playern? Welche Rolle spielen diese im Handelsgefüge?

Thomas Pöcheim: Hier fällt mir Amazon-Gründer Jeff Bezos ein, der in einem Interview sagte, dass es Amazon in der heutigen Form in 30 Jahren nicht mehr geben wird. Und das Unternehmen verändert sich ja schon, indem zB zunehmend stationäre Flächen bespielt werden. Das Interessante dabei ist, wie Amazon das macht – Stichwort „Amazon Go“. Der Kunde geht rein, nimmt das Produkt und geht wieder raus. Den Rest erledigt die IT und in diesem Bereich hat Amazon enorme Kompetenzen. Im Grunde ist Amazon ja kein Händler, sondern ein IT- und Logistikunternehmen, das „zufällig“ auch Ware verkauft. Der andere big Player, das chinesische Unternehmen Alibaba, kauft derweilen ein europäisches Shoppingcenter nach dem anderen und versucht damit auf unserem Kontinent Fuß zu fassen. Ich gehe davon aus, dass es auch künftig Internet-Pure-Player geben wird, dass aber nur die ganz Großen und die Spezialisten eine Chance haben werden.

Das Beste in meinen Augen ist (wie bereits erwähnt) eine Multi-Channel-Strategie, also die Verbindung von einem stationären Geschäft mit einem Onlineshop. Mir wurde noch kein einziges Argument geliefert, das dagegengesprochen hätte. Leider gibt es noch nicht viele Beispielunternehmen, die das richtig gut machen, bei denen die beiden Kanäle tatsächlich nahtlos ineinandergreifen und aus Kundensicht alles reibungslos funktioniert. Es gibt aber viele Beispiele, die auf einem guten Weg dorthin sind, so zB MediaMarktSaturn.

E&W: Ein Blick in die Zukunft: Wie glauben Sie wird Handel in der Zukunft funktionieren?

Thomas Pöcheim: Grundsätzlich ist es so: Menschen zieht es an Orte, an denen andere Menschen sind. Deswegen funktionieren auch Märkte oder die Shopping City Süd so gut. Ich glaube nicht, dass sich das ändern wird, da es sich um einen Trieb zw. Instinkt handelt. Die Menschen werden meines Erachtens auch in Zukunft direkt miteinander kommunizieren und interagieren wollen.

Darüber hinaus kann ich nicht sagen, wie Handel in Zukunft funktionieren wird. Die Dinge ändern sich aktuell so schnell und wir wissen nicht was die fortschreitende Digitalisierung, künstliche Intelligenz, E-Mobilität oder 5G (das Netz, mit dem Maschinen in Echtzeit kommunizieren können) noch auslösen werden.

Zum Beispiel E-Mobilität bietet dem Elektrohandel eine große Chance, wie ich meine. Ich denke hier an E-Bikes und E-Scooter, zu denen man diverse Services aber auch Zubehör anbieten könnte. Ganz groß gedacht könnte das bis zum Verkauf einer Photovoltaikanlage samt dazugehörigem Installationsservice gehen.

Und jetzt?

E&W: Was sagen Sie zur aktuellen Situation, die wir dem Corona-Virus zu verdanken haben? Glauben Sie, dass die Welt danach dieselbe sein wird?

Thomas Pöcheim: Es gibt neben den vielen negativen auch positive Aspekte: Entschleunigung, Zeit, um nachzudenken, Raum für Ideen. Die Menschen sind plötzlich offener, freundlicher und verständnisvoller, weil wir alle gemeinsam im selben Boot sitzen. Ich glaube nicht, dass die Welt nach Corona dieselbe sein wird. Und ich hoffe, dass wir etwas daraus lernen. Dass wir achtsamer miteinander umgehen, und dass wir alle ein wenig vom Gas heruntersteigen.

Ein Problem unserer Gesellschaft ist: Es ist immer zu wenig – ob aus Sicht eines Unternehmens oder eines Konsumenten. Und eines muss ich sagen, auch wenn ich mich damit gegen den Handel ausspreche: Der Konsumrausch, den wir zuletzt alle lebten, war Wahnsinn! Jeder wollte immer mehr und mehr. Jetzt merken wir allerdings alle, was man tatsächlich zum Leben braucht. Und das musste uns wohl erst Corona lehren. (zwinkert)

E&W: Letzten Herbst wurde bekannt, dass sie MediaSaturn verlassen. Was werden Sie am meisten vermissen?

Thomas Pöcheim: Die Kollegen. Ich hatte ein Spitzen-Team, eine super Mannschaft. Bei MediaSaturn arbeiten richtig tolle Menschen.

E&W: Welche Industriemanager bzw. Branchenplayer haben Sie auf Ihrem Weg in den letzten 30 Jahren beeindruckt, wenn nicht sogar geprägt?

Thomas Pöcheim: Gute Frage (überlegt) … Gerhard Sandler steht ganz oben auf dieser Liste. Von ihm habe ich viel gelernt. Edi Kern und Wolfgang Oswald – das waren echte Typen (lacht) und richtig gute Unternehmer mit Handschlagqualität. Auf Industrieseite denke ich an Gerhard Reitmayr und Michael Zöller von Samsung; Oder an Jens Bidlingmaier, mit dem ich eine super Partnerschaft auf Augenhöhe lebte. Ich sehe auch Franz Schlechta vor mir, er hat mich von Anfang an wertgeschätzt und für voll genommen, obwohl es damals weit wichtigere Leute bei MediaSaturn gab. Michael Mehnert von der BSH, Alexander Kren von A1 und Wolfgang Lesiak fallen mir noch ein …. Ich könnte jetzt ganze Seiten füllen. Ich bin im Laufe meiner Karriere bei MediaSaturn sehr vielen richtig tollen Menschen begegnet.

E&W: Wie geht es jetzt weiter für Sie?

Thomas Pöcheim: Es ist jetzt rund sechs Monate her, dass ich meine Funktion bei MediaSaturn niederlegte. Anfangs musste ich das erst verdauen, alles sortieren und abschütteln. Das war nicht leicht. Mittlerweile habe ich mich aber gut damit arrangiert. Eine Woche „Ausstieg“ im Kloster Pernegg hat mir sehr dabei geholfen. Ich habe viel über mein Leben nachgedacht und über mich selbst gelernt. Ich weiß jetzt: Job, Karriere und Geld sind wichtig, das ist klar. Aber es darf nicht alles bedeuten. Wichtig ist, dass der Job Spaß macht, dass man ein gutes Team um sich herum hat, und dass Zeit für die Familie bleibt – viel mehr Zeit für die Familie, als es früher der Fall war.

Ich bin jetzt 50 Jahre alt und wirklich dankbar. Ich habe es geschafft mich vom Lehrling zum Landesgeschäftsführer hochzuarbeiten, ich habe eine wunderbare Familie. Es geht mir jetzt richtig gut. Ich genieße die Zeit, blicke nach vorne und freue mich auf das was die Zukunft bringt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Ich kann mir auch gut vorstellen in der Elektrobranche zu bleiben. Sie ist zwar extrem unter Druck und herausgefordert, hat aber auch große Chancen. In der Elektrobranche fühle ich mich wohl, ich weiß in diesem Bereich wovon ich rede. Ich glaube, dass mir nur sehr wenige etwas vormachen könnten, weil ich lange genug dabei bin und weil es mich von Grund auf interessiert.

Ich bin offen für vieles. Und ich freue mich jetzt so richtig auf neue, spannende Herausforderungen.

 

Den ersten Teil des Interviews mit Thomas Pöcheim finden Sie HIER.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.