Samstag, 31. Oktober 2020
Wie halten es wir mit unserer Informationsauswahl?

Ausbruch aus der Filterblase

Hintergrund | Dominik Schebach | 11.10.2020 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Ich bin mir sicher, dass in den kommenden Jahren – sobald die augenblickliche Bedrohung durch das Corona-Virus überwunden ist – viele wissenschaftliche Abhandlungen psychologischer und ökonomischer Natur zur Krise veröffentlicht werden. Die Anzahl dieser Veröffentlichungen wird wahrscheinlich nur von der Anzahl der populärwissenschaftlichen Sachbüchern übertroffen, die sich der Frage zuwenden werden, wie so ein Virus innerhalb weniger Monate eine der stabilsten Wachstumsphasen der Weltwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg einfach abdrehen und die westlichen Staaten geradezu in eine gesellschaftliche Sinnkrise stürzen konnte.

Ich bin mir in dieser Vorhersage deswegen ziemlich sicher, weil die Menschen im Endeffekt ihre Umwelt verstehen wollen, um sich die Wirklichkeit zu erklären. Dazu kommt, dass diese Krise etwas vollkommen Neues, Verstörendes ist. Ein Ereignis, dass wir nicht mit unserem bestehenden Werkzeugkasten an vorgefertigten Universalerklärungen einfach so verarbeiten können. Deswegen wird die Nachfrage nach solchen Werken – mit ein wenig Abstand – durchaus groß sein. Dass unter den zu erwartenden Büchern viele einfach Schund sein werden, die nichts zum tieferen Verständnis ihrer Leser beitragen, liegt leider in der Natur der Sache. Andere Bücher werden hoffentlich mit viel Hintergrundwissen ein umfassendes und detailliertes Bild der Geschehnisse, wissenschaftlichen Grundlagen, Diskussionen, Unsicherheiten sowie Abwägungen der Verantwortlichen im Jahr 2020 zeichnen und so die Corona-Krise verständlicher machen.

Dabei gibt es allerdings eine Einschränkung. Denn die meisten Menschen werden erst recht wieder nur die Informationen für sich akzeptieren und verarbeiten, die ihren Vorstellungen entsprechen. Die Wenigsten werden neue oder für sie unangenehme Ideen kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und für sich einordnen. Denn wir bewegen uns in der Bubble, verdeutscht Filterblase. Dh, eigentlich bewegt sich jeder von uns in seiner höchstpersönlichen Bubble – und das gilt leider auch schon jetzt für die Krise selbst. Die meisten werden nun an die immer wieder erwähnten Filterblasen im Netz denken, weil dieser vom Internetaktivist Eli Pariser im Jahr 2011 geprägte Begriff im Zusammenhang mit Facebook, Google und Co verwendet wird. Aber das ist eigentlich nur die Fortsetzung unseres gewöhnlichen Sozialverhaltens mit anderen Mitteln. Schließlich umgeben wir uns auch in unserem alltäglichen sozialen Leben abseits von Tastatur und Bildschirm mit Gleichgesinnten und nehmen vor allem diejenigen Informationen in den Medien verstärkt wahr, die unsere Ansichten bestätigen.

Allerdings wird dieses Auswahlverhalten durch die Filtermechanismen der diversen Online-Plattformen nochmals radikal verstärkt. Dafür sind schließlich Cookies da, um das schier endlose Informationsangebot im Netz für den jeweiligen User in bekömmliche Häppchen zu personalisieren. Denn diese Online-Plattformen wie Facebook & Co. sind nicht wirklich daran interessiert, dass wir wahrheitsgemäße, belastbare und verifizierbare Informationen erhalten, sondern dass wir möglichst lange auf der Plattform verweilen und dabei möglichst viel von der für uns zurechtgeschnittenen Werbung aufnehmen. Dafür erhalten wir unter dem Deckmantel der Personalisierung auf uns abgestimmte Nachrichten, und wir interagieren auf diesen Online-Plattformen vor allem mit Menschen, die ähnliche Inhalte anklicken. Dieses Angebot bestärkt uns natürlich wieder in unseren Ansicht, unsere Browser sammeln noch mehr von den entsprechenden Cookies ein, weswegen wir noch von derselben Kost erhalten usw usf.

Dennoch darf man für diese Entwicklung nicht ausschließlich die Internet-Konzerne verantwortlich machen. Da macht man es sich zu leicht. Diese Unternehmen nutzen im Endeffekt nur unsere Bequemlichkeit aus. Schließlich hat es jeder in der Hand, seine Informationsquellen und -auswahl zu überprüfen, den richtigen Kontext herzustellen oder auch einmal sein eigenes Verhalten bei der Informationsverarbeitung kritisch zu hinterfragen. Dass das nicht immer ganz einfach ist, versteht sich von selbst. Denn da geht es um die eigene Identität und das schmerzt. Außerdem verschafft das Vertraute Sicherheit. Wenn man also Stress vermeiden will, dann verlässt man tunlichst nicht seine Filterblase.

Dieser Widerspruch  – Sicherheit der Filterblase gegen den Wunsch unsere Umwelt auch wirklich zu verstehen – lässt sich nicht einfach auflösen. Dennoch sollte man hin und wieder aktiv die Cookies im eigenen Browser löschen, die Facebook-Posts anstatt nach Likes chronologisch anordnen oder auch einmal eine Woche lang eine radikal andere (hoffentlich gute) Zeitung lesen, sowie einen anderen Sender wählen, und so seiner Bubble entkommen oder diese zumindest ein wenig ausdehnen. Der Aufwand ist es meiner Ansicht nach durchaus wert. Oft erschließt sich damit ein neuer Blickwinkel auf ein bestehendes Problem oder man versteht zumindest sein Gegenüber besser, auch wenn sich die Filterblasen nur gering überschneiden.

Daneben geht es aber um eine ganz praktische Überlegung: Im Endeffekt kann man nicht ewig in seiner Filterblase, wie in Watte gepackt, verharren. Denn selbst die beste Filterblase kann die Realität nicht auf Dauer ausschließen. Oder anders ausgedrückt, der Eindruck der Sicherheit in der Filterblase ist eine Illusion, erzeugt durch unsere unvollständigen Erfahrungen, durch unsere Wünsche, soziale Regeln, viele schlampige Annahmen und oftmals einfach nur Glück. Wenn sich die Rahmenbedingungen so radikal ändern, wie es derzeit durch COVID-19 der Fall ist, dann muss sich auch dieser Filter anpassen, durch den wir die Welt sehen. Das erfordert einiges an Arbeit und Mut. Passiert das allerdings nicht, kommt es über kurz oder lang zu einer schmerzhaften Korrektur.

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