Freitag, 18. Juni 2021

Fehler im System

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 06.06.2021 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Es ist zum Haareraufen: Sobald man einmal damit begonnen hat, einen näheren Blick auf etwas zu werfen, das ganz offensichtlich falsch läuft, wird man nicht mehr fertig. Man kann sich nach Belieben in die schier unbegrenzten Tiefen der allerorts herrschenden Missstände vertiefen und kommt vom Hundertsten ins Tausendste, während man förmlich dazu gezwungen ist, sich vor lauter Fassungslosigkeit permanent auf die Stirn zu tippen. Mir ist es jedenfalls so ergangen, als ich der Aufregung um die Höhe der Corona-Unterstützung für Media Markt auf den Grund gehen wollte.

Was war passiert? Sobald die EU-Kommission die Namen jener Unternehmen veröffentlichte, die mehr als 100.000 Euro an Corona-Hilfen erhalten hatten, stürzten sich die sensationslüsternen Medien auf die Promis und potenziellen Aufreger – wie eben Media Markt. Die Elektronikkette hatte fast 12 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen erhalten, weil man sich die Unternehmensstruktur – jede der gut 40 Filialen konnte einzeln um Umsatzersatz ansuchen – zunutze machte. Demgegenüber habe Hartlauer mit seiner einheitlichen Firmenstruktur „nur” 1,2 Millionen Euro erhalten (Umsatzersatz plus Fixkostenzuschuss) – die Berichterstatter witterten einen Skandal, zettelten eine Fairness-Debatte an und schoben Media Markt den Schwarzen Peter zu. Doch was kann das Unternehmen eigentlich dafür, dass diese Form der Betrachtung für die Gewährung von Beihilfen gewählt wurde? Und außerdem Online-Umsätze nicht in die Berechnung mit einflossen? Reichlich wenig, würde ich meinen. Ganz im Gegenteil: Von einem Unternehmen allen Ernstes zu verlangen, nicht zum eigenen Vorteil zu agieren, ist blanker Hohn.

Das Gleiche gilt für das Aufregerthema „Amazon und Gewinnsteuern” – der zweiten Etappe meiner gedanklichen Reise durch die uns umgebenden Missstände. Natürlich ist es von einer moralischen Warte aus betrachtet eine Schweinerei, wenn ein Konzern, dessen Umsätze und Gewinne infolge der Covid-Pandemie sprichwörtlich durch die Decke gingen, nicht nur wenig bis keine Gewinnsteuern zahlt, sondern auch noch Steuerrückzahlungen in Millionenhöhe erhält. Aus unternehmerischer Sicht kann man dem Onlineriesen diesbezüglich aber wohl kaum einen Vorwurf machen – zumal es zig weitere internationale Großkonzerne gibt, die ähnlich agieren. Dass es diese Schlupflöcher und Steueroasen gibt, ist ja nicht Amazon (oder Facebook, McDonalds & Co.) zuzuschreiben, sondern schlichtweg ein Fehler im System. Zugegeben, einer von vielen Fehlern in einem von vielen Systemen, aber die Lösung – in Form einer entsprechenden Anpassung des zugrundeliegenden Regelwerks samt Schaffung von Instrumenten zur konsequenten Durchsetzung – obliegt hier der internationalen Staatengemeinschaft und Organisationen wie der OECD. Und tatsächlich machen derzeit immer öfter Forderungen nach einer globalen Mindeststeuer die Runde. Die Rede ist hier gerade von 15% auf Gewinne, um deren Verschiebungen in der bisherigen Form zu unterbinden und damit letztlich jene Fairness gesetzlich zu verankern, die man nur auf Basis des guten Willens niemals von einem Unternehmen verlangen und erwarten wird können.

So ließe sich die Liste der Ungerechtigkeiten und Verbesserungswürdigkeiten noch beliebig fortsetzen, und ich werde bei Gelegenheit gerne näher auf Kostenwahrheit, Billigstbieterprinzip, Gewährleistungsrecht, nicht mehr vorhandene Aufstiegschancen für die nächste Generation, uvm. eingehen. An dieser Stelle möchte ich jedoch nur noch ein Beispiel nennen, das mir wirklich zu denken gibt und das meines Erachtens wie kein zweites die Fäulnis des Systems (bzw der darin handelnden Akteure) verdeutlicht. Im Rahmen meiner Recherchen zum plötzlichen Genehmigungsstopp für Photovoltaikanlagen im Burgenland habe ich mir auch einen diesbezüglichen Bericht in ORF „Konkret”angesehen, bei dem der bezeichnende Satz fiel: Es ist lukrativer, Strom zu ernten als Gemüse oder Getreide. (Anmerkung: Im Burgenland offenbar um rund das Zehnfache!!). Nachvollziehbar also, dass Grundbesitzer nur allzu gerne ihre Äcker für die Errichtung von großen Solarparks verpachten. Blöd nur, dass damit unser aller Zukunft gegen schnöden Mammon aufgewogen wird.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Möglichkeiten, mit all dem umzugehen. Die erste – und leider am weitesten verbreitete – ist jene des Erduldens und Ertragens, bestenfalls noch ab und an mit einem Aufschrei á la „Das böse Amazon macht meine Preise kaputt” garniert (als ob das nicht andere schon viel früher getan hätten…). Die zweite lautet, das Problem zu identifizieren, an der Wurzel zu packen und nachhaltig auszumerzen. Was unter anderem voraussetzt, dass man beim Üben von Kritik den richtigen Adressaten identifiziert – im Falle der eingangs erwähnten Corona-Hilfen wäre das wohl eher der Finanzminister als Media Markt. Wenn man schon mit dem Finger auf jemanden zeigen will, dann wenigstens auf den Richtigen. Die dritte Option wäre, sich die Frage zu stellen, ob man wirklich gegen direkt gegen das System bzw dessen Fehler kämpfen will (denn oft droht dies ein Kampf gegen Windmühlen zu werden), oder ob es nicht sinnvoller und vor allem den eigenen Interessen dienlicher ist, seine Energie in konstruktive Aktivitäten abseits der ausgetretenen Pfade zu stecken. Sprich, sich nicht auf die anderen, sondern auf sich selbst zu konzentrieren, um etwas weiterzubringen – was den durchaus positiven Begleiteffekt hat, dass man das System auch auf diese Weise ändern kann, nur eben auf Umwegen.

Gute Ideen tendieren nämlich dazu, kopiert zu werden. Völlige Transparanz, einfache Reproduzierbarkeit und rasche Massenverbreitung gehören zu den ureigensten Wesenszügen der Digitalisierung. Die Chancen, etwas schnell unters Volk oder in die Geschäftswelt zu bringen, standen nie besser als heute. Wer vorne bleiben will, kann entweder – ganz „old school” – Urheberrechts-, Patent- und sonstige Streitigkeiten ausfechten. Oder aber die Wiederverwertung der eigenen Errungenschaften im Sinne einer neuen Herangehensweise als höchste Form der Anerkennung betrachten und für eines sorgen: Bis die anderen dort sind, wo man selbst schon war, längst wieder einen Schritt weiter zu sein.

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