Dienstag, 28. September 2021
Manipulation von EU-Ökodesign und Energielabel

EU-Projekt ANTICCS will Schlupflöcher schließen

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 15.09.2021 | |  
Auf dem Energielabel müssen ua der Verbrauch und die Leistung von Elektrogeräten angegeben werden. Diese gesetzlichen Vorgaben zum Verbrauch und zur Leistung von Elektrogeräten können durch Manipulation von Labortests allerdings umgangen werden, sagen die Forscher des EU-Projekts ANTICCS, die Schlupflöcher zur Manipulation rund um EU-Ökodesign und Energielabel schließen wollen. „Durch korrekte Herstellerangaben bei Elektrogeräten können bis zu 200.000 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr eingespart werden.“

Es gibt das von der Europäischen Union geförderte Projekt „ANTICSS – Anti-Circumvention of Standards for better market Surveillance“ (Eindämmung des Umgehens von Standards für eine bessere Marktüberwachung). Ein Forschungsteam von 19 Organisationen aus acht EU-Mitgliedsstaaten, darunter auch die Österreichische Energieagentur, hat dreieinhalb Jahre die Möglichkeiten der Umgehung der gesetzlichen Vorgaben aus den europäischen Richtlinien und Messstandards rund um Ökodesign und Energielabel analysiert.

Christian Praher, Experte in der Österreichischen Energieagentur (AEA) und Projektleiter für das ANTICSS Projekt innerhalb der AEA, erklärt ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit: „Die gesetzlichen Vorgaben zum Verbrauch und zur Leistung von Elektrogeräten können durch Manipulation der Labortests umgangen werden. Das ist nicht nur mittels versteckter Software möglich, die die Prüfsituation erkennt und das Gerät automatisch optimiert, sondern auch durch den Missbrauch spezifischer Anweisungen an das Testlabor.“ Die Definition für „Umgehung“ („Circumvention“) sollte deshalb erweitert werden. Weil sich Umgehungen mit Standardmessverfahren meist nicht aufdecken lassen, wurden für 18 Verdachtsfälle in acht verschiedenen Produktgruppen spezielle Testverfahren entwickelt.

Vier Labore in Deutschland, Italien, Spanien und den Niederlanden testeten insgesamt 24 gezielt ausgewählte Produktmodelle, wobei sechs der getesteten Modelle „ein Verhalten der Umgehung oder an der Grenze zur Umgehung“ zeigten. Die Forscher erklären: „Würden die Hersteller diese Schlupflöcher sehr breit ausnutzen, könnte die erwartete jährliche CO2-Reduktion aufgrund der besseren Effizienz der beteiligten Geräte potenziell um rund 200.000 Tonnen CO2 gesenkt werden. Über die Gesamtlebensdauer dieser Geräte würde dies theoretisch rund 2,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ergeben.“

„Zwei wesentliche Wege, um Schlupflöcher zu schließen“

Vom Öko-Institut kommt die Forderung, dass die Europäische Union die vorhandenen Schwachstellen in der Gesetzgebung und den Standards so schnell wie möglich schließt.

Hier empfiehlt das Forschungsteam zwei Wege. Erstens sollte die EU die Definition von „Umgehung“ („Circumvention“) erweitern: „Bisher umfasst diese ausschließlich integrierte Software, die die Testsituation erkennt und die Verbrauchswerte automatisch optimiert. Ergänzt und damit verboten werden sollten weitere Umgehungsmöglichkeiten. Hierzu zählen der Missbrauch von Herstellerinstruktionen, mit denen spezifische Anweisungen für Labore speziell während der Prüfung zu besseren Ergebnissen führen, sowie mögliche Voreinstellungen oder Funktionen von Produkten, die den Energieverbrauch in der Testsituation reduzieren, im realen Leben jedoch extrem selten oder sogar nur theoretisch anwendbar sind“, so die Experten.

Zweitens benötigen Marktüberwachungsbehörden die rechtliche Handhabe, von den vorgegebenen Standardmessverfahren abzuweichen, um Umgehung aufzudecken. Das ANTICSS-Forschungsteam hat hierzu Testverfahren entwickelt, in denen die unter Manipulationsverdacht stehenden Parameter geringfügig variiert werden. „Weichen die Ergebnisse signifikant von denjenigen unter Normbedingungen ab, erhärtet sich der Verdacht, dass das Gerät speziell für die Konformitätsprüfung optimiert wurde. Wie genau diese Alternativverfahren künftig in der Gesetzgebung und den Standards anzuwenden sind, dazu besteht weiterer Forschungs- und Handlungsbedarf“, so das ANTICSS-Forschungsteam.

Vertrauensverlust als größte Gefahr

Wie die Energieagentur sagt, sei es das vorrangige Ziel, Schlupflöcher zu schließen und Umgehung von vornherein zu erschweren, um Marktverzerrungen und Fehlinformationen zur Umweltwirkung von Produkten zu vermeiden. „Jenseits verlorener Energieeinsparungen wäre ein viel größerer Schaden der Vertrauensverlust der Verbraucher in die bisher sehr erfolgreiche EU- Gesetzgebung zu Ökodesign und Energielabel.“

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