Montag, 28. November 2022
Austausch von Gütern, Ideen und Dienstleistungen wird weiter eingeschränkt

Globaler Wetterumschwung zur Unzeit

Hintergrund | Dominik Schebach | 30.10.2022 | Bilder | | 1  Meinung
Im Wettstreit der Systeme spielen Mikrochips eine entscheidende Rolle. Im Wettstreit der Systeme spielen Mikrochips eine entscheidende Rolle. (© Taiwan Semiconductor Manufacturing Co., Ltd) Wenn das keine ökonomische Kriegserklärung gewesen ist, dann hat nicht mehr viel gefehlt. Nach Jahren der sich beständig verschlechternden Beziehungen – nicht zuletzt wegen der Konfrontation in der Taiwan-Frage – hat die augenblickliche US-Regierung unter Präsident Joe Biden die chinesische Wirtschaft ohne große Fanfaren aber dafür umso umfassender von den neuesten Chip-Technologien abgeschnitten. Dieser neue Handelskrieg ist eine recht drastische Erinnerung daran, dass nach Jahrzehnten stabiler Verhältnisse mit uneingeschränktem Handel sich die Rahmenbedingungen über Nacht ändern können.

Man könnte sagen, die jetzige US-Regierung hat die Aussagen ihres chinesischen Widerparts ob des Wettstreits der Systeme ernst genommen. Dementsprechend radikal sind die vorgestellten Sanktionen. So dürfen Unternehmen spezielle Grafikprozessoren und Speicherchips für AI-Anwendungen oder Supercomputer sowie fortgeschrittene Produktionstechnologien, Software oder auch Gerätschaften zur Produktion dieser Mikrochips nicht mehr an chinesische Unternehmen verkaufen, außer sie haben eine Ausnahmegenehmigung des US-Regierung. Und diese Ausnahmegenehmigungen sollen laut US-Medien nur sehr eingeschränkt vergeben werden. Diese Beschränkungen betreffen nicht nur US-Unternehmen, sondern alle Unternehmen, welche US-Technologien in ihren Produkten verwenden – und das sind im Feld der Halbleitertechnologie alle.

Alles, was unter der Trump-Administration und deren Feldzug gegen Huawei geschehen ist, verblasst angesichts dieser neuen Maßnahmen. Hier geht es nicht darum, ein einzelnes Unternehmen vom Markt auszuschließen. Erklärtes Ziel der Aktion ist, die strategische Überlegenheit der USA und ihrer Verbündeten zu sichern. Schließlich spielen die betroffenen Produkte auch im militärischen Bereich eine große Rolle. Deswegen soll ein Vorsprung von mehreren Generationen in der Halbleiterproduktion sichergestellt werden – und das für immer.

China hat zwar in den vergangenen Jahren mächtig in die Fertigung von Halbleitern investiert und dazu alle offiziellen sowie inoffiziellen Hebel in Bewegung gesetzt. Den Rückstand zu Herstellern in den USA, Taiwan, Südkorea oder Europa konnte die chinesischen Hersteller trotz aller Anstrengungen des privaten wie des staatlichen Sektors nicht aufholen. Denn die internationale Produktion von Mikrochips ein hochgradig arbeitsteiliger Prozess. Chris Miller, Professor für Geschichte an der Tufts University, beschrieb das in seinem Buch „Chip War:  The Fight for the World’s Most Critical Technology“ so: Ein typischer Chip basiert auf Plänen des in japanischem Besitz stehenden britischen Unternehmens ARM, welche von Entwicklerteams in den USA und Israel, unter Verwendung von US-Entwicklungssoftware, produziert wurden. Sind die Pläne fertig werden diese an ein Werk in Taiwan geschickt, welches für die Produktion hochreine Silizium-Wafer und spezielle Gase aus Japan kauft. Die Pläne werden von einigen hochpräzisen Maschinen, auf Atome genau ins Silizium geätzt. Diese Maschinen werden wiederum von drei US-, einem japanischem und einem niederländischen Unternehmen hergestellt. Ohne diese Maschinen ist es praktisch unmöglich hochmoderne Chips zu produzieren. Danach werden die Chips in ihrem Gehäuse verbaut und getestet – meistens in Südostasien – bevor sie nach China gelangen, wo sie in Smartphones und Unterhaltungsgeräten Verwendung finden.“

Die Folgen des Boycotts werden wir in den kommenden Jahren sehen. Zwar sind Halbleiterprodukte für klassische UE-Produkte oder Smartphones laut US-Handelsministerium nicht von diesen Sanktionen betroffen. Andererseits spielen Anwendungen wie künstliche Intelligenz, Supercomputing oder Kryptografie in immer mehr Bereichen eine entscheidende Rolle. Damit werden die Sanktionen langfristige Auswirkungen auf die Konkurrenzfähigkeit der chinesischen Wirtschaft haben. Die Frage ist, wie die chinesische Führung auf diese US-Ansage reagiert. Werden europäische und US-Unternehmen in Zukunft für den Markteintritt in China noch mehr von ihrer Technologie preisgeben müssen, drosselt China den Export wichtiger Güter für die Energiewende wie Solarmodule oder seltene Erden, oder wird sich China weiter vom Westen abschotten?

Die Antwort auf diese Fragen werden wir bald erhalten. Gleichzeitig zeigt diese Episode, dass das Zeitalter des globalen Freihandels damit wohl endgültig zu seinem Ende kommt. Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass der Austausch von Waren, Ideen und Dienstleistungen weltweit möglich ist. Stattdessen müssen wir uns wieder angewöhnen, ständig ein Auge auf die politische Großwetterlage zu richten und auf mögliche Verwerfungen im internationalen Handel mit Fernost frühzeitig zu reagieren. Angesichts der Rahmenbedingungen mit Inflation, Energiekrise und allgemeiner Unsicherheit in Europa eine Zusatzbelastung, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Bilder
Im Wettstreit der Systeme spielen Mikrochips eine entscheidende Rolle.
Im Wettstreit der Systeme spielen Mikrochips eine entscheidende Rolle. (© Taiwan Semiconductor Manufacturing Co., Ltd)
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Kommentare (1)

  1. „Die Frage ist, wie die chinesische Führung auf diese US-Ansage reagiert“ ?

    Man kann nur hoffen nicht durch die Annektion von Taiwan

    1

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