Montag, 17. Februar 2020
Der persönliche Kontakt ist nie überholt

Wie archaisch

Hintergrund | Dominik Schebach | 08.04.2018 | |  

Es war ein Artikel über das Silicon Valley, der in der Woche des Redaktionsschlusses meine Aufmerksamkeit erregte. Demnach könne man die Prioritäten innerhalb eines Unternehmens daran ablesen, wer denn nun am nächsten zum Chef sitzt. Wie archaisch, mag man sagen.

Im Moment sind es die Forscherteams für künstliche Intelligenz, die sich mit den Top-Managern von Google oder Facebook zT auch die Etage teilen. Andere Entwicklungsabteilungen mussten dagegen absiedeln. Laut New York Times wird einerseits damit den Mitarbeitern signalisiert, welchen Stellenwert ihre Arbeit für das Unternehmen hat. Andererseits können damit die Manager in den Chefetagen, die ja bei diesen Konzernen in der Regel selbst einen ausgewiesenen technischen Hintergrund haben, mit den wichtigsten neuen Entwicklungen weiterhin Schritt halten und das Potenzial dieser Technologie einschätzen. Indem sie regelmäßigen, informellen persönlichen Kontakt mit den Forschern halten, bleiben sie selbst up to date. 

Die Größen der Branche wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Google-CEO Sundar Pichai setzen also innerhalb ihrer Unternehmen auch im Zeitalter von Social Media und Messenger auf den engen persönlichen Kontakt mit ausgewählten Talenten. Es zeigt, dass man eben doch mit dem Menschen direkt – von Angesicht zu Angesicht – reden muss, um alle Nuancen auch vollständig zu erfassen. Wenn es um neue Entwicklungen geht, ist augenscheinlich der unmittelbare Kontakt nicht zu ersetzen.

Das mag man einerseits als Bestätigung ansehen. Der Handel hat nicht ausgedient, denn die Menschen werden immer einen Ansprechpartner brauchen, mag man sich angesichts dieser Story sagen. Die Story hat aber auch einen Haken. Denn während bei den Schlüsseltechnologien von morgen die großen Namen des Silicon Valleys selbst die Finger am Puls der Entwicklung haben wollen, gibt es andere Technologiefelder, die in die zweite Reihe verbannt wurden. Die Entwicklungen, die im Mainstream angekommen, die alltäglich geworden, die aber auch zu groß und behäbig geworden sind, die bedürfen eben nicht mehr des permanenten persönlichen Kontakts. Diese Standard-Anwendungen werden aus der Entfernung geführt. Die Top-Manager von heute setzen ihre Ressourcen eben sehr gezielt ein. Sie investieren nicht nur Geld sondern auch persönlichen Kontakt und Prestige in die Projekte, die über die Zukunft ihrer Technologie-Imperien bestimmen. 

Ähnlich verhalten sich aber auch die Kunden von heute. Das Alltägliche – vorausgesetzt ich kann es nicht irgendwo im Vorübergehen mitnehmen – wird zunehmend im Netz erledigt. Wenn es aber um das Besondere geht, dann sucht man die Nähe zu den Spezialisten. Dann wird auch von den Kunden investiert, nicht nur Geld sondern auch sozialer Kontakt und vor allem Zeit. Ganz archaisch also – allerdings auch sehr zielgerichtet.

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