Donnerstag, 9. Juli 2020
Über den „Mere urgency effect“

Allzu menschlich: Warum wir das Unwichtige zuerst erledigen…

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 27.01.2019 | |  

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht mit einer gewissen Regelmäßigkeit in diese (selbst gestellte) Falle tappen würde: Eigentlich – was für ein schönes Wort an dieser Stelle – hätte man ja etwas unheimliches Wichtiges machen sollen, stattdessen sind jetzt zwar drei andere Dinge erledigt und das Gewissen einigermaßen beruhigt, das ursprüngliche Vorhaben ist aber (einmal mehr?) aufgeschoben. Ich selbst nehme mich davon ganz und gar nicht aus – im Gegenteil: Ich bin ein regelrechtes „Wiederholungsopfer” und wirklich froh, kürzlich eine Studie gelesen zu haben, die dieses Verhalten als etwas zutiefst Menschliches beschreibt.

Wer kennt das nicht: Auf der To-do-Liste stehen beispielsweise „Geschäftsbericht fertigstellen“, „Angebot für XY schreiben“, „Masterarbeit überarbeiten“ oder „Küche neu ausmalen“ ganz oben, und dennoch werden vorher stattdessen noch die Mails im Posteingang gelesen und beantwortet, Angebote für die gelante Flugreise im Sommer gecheckt oder eine Staffel der aktuellen Lieblingsserie ein zweites Mal angeschaut. Dieses Phänomen tritt im beruflichen ebenso wie im privaten Bereich auf.

Wie kürzlich auf orf.at zu lesen war, würden Studien zeigen, dass dieses – oft genug für einen selbst ärgerliche – Verhalten grundmenschlich ist. Das in der Psychologie grundsätzlich bekannte Phänomen, dass Menschen bei Entscheidungen das zeitlich Dringliche dem inhaltlich Wichtigen vorziehen, wurde demnach zuletzt in einer neuen Studie „auf die Spitze“ getrieben, wie der Sozialpsychologe Arnd Florack von der Universität Wien erläuterte. Denn es habe sich gezeigt sich, dass dem Hirn schon das Vortäuschen von Dringlichkeit reicht, um das Wichtige in den Hintergrund zu schieben.

Das sei eine durchaus hilfreiche Erkenntnis, um mit dem eigenen „Laster“, Wichtiges auf die lange Bank zu schieben, umzugehen – und zudem öffne dies auch neue Möglichkeiten in der Konsumwelt.

Hirn lässt sich täuschen

Zu dem Befund gelangten die zwei Autorinnen und der Autor der Studie, Meng Zhu, Yang Yang und Christopher K. Hsee, in ihren Experimenten einerseits dadurch, dass die Dringlichkeit zwar kommuniziert wurde, aber real gar nicht bestand. Die Testpersonen hatten de facto gleich viel Zeit, um die gestellten Aufgaben zu erledigen.

Zugleich waren die Aufgaben gleich schwer – die dringenden waren genauso aufwändig wie die wichtigen. Damit wurde ein häufiges Motiv, wichtigere Tasks hinauszuschieben, als Ursache ausgeschlossen: die Sorge, die schwierigere Aufgabe nicht lösen zu können.

Ein Bereich, in dem die Psychologie der Entscheidung seit Jahrzehnten konsequent angewendet wird, ist das Marketing. Kaufentscheidungen werden entscheidend durch psychologische Effekte und weniger durch Sachargumente beeinflusst.

Aus Sicht der Psychologie geben zwei Faktoren den Ausschlag, wie wir uns entscheiden, erklärt dazu Florack: „Das sind gefühlte Knappheit und gefühlte Nähe zum Erfolg.“

Wenn man den Eindruck hat, etwas sei knapp, so gewinnt es sofort an Bedeutung – ein Umstand, der vom Einkaufen, ob im Geschäft oder online, bestens bekannt ist. Und laut Florack schaffen mehrere kleine Erfolge hintereinander mehr Befriedigung als ein großer, aber weiter in der Ferne liegender. Was, so fügt er hinzu, übrigens auch umgekehrt gelte: Mehrere kleinere schmerzhafte Erfahrungen wirken demnach stärker als ein größeres negatives Ereignis.

„Alles, was die Nähe zum Erfolg garantiert oder vortäuscht, funktioniert“, so Florack. Als klassisches Beispiel im Marketing nennt er etwa den Coupon in seinen verschiedensten Formen. Da mache es einen Unterschied, ob man sechs Punkte sammeln müsse oder acht, zwei davon am Anfang aber gleich „geschenkt“ bekomme. Bei letzterer Variante fühle man sich automatisch dem Ziel näher.

„Das sind Situationen, in denen wir dann oft nicht genug darüber nachdenken, ob wir das angebotene Produkt brauchen oder konsumieren können“ – und das Ziel des Unternehmens, Kunden über einen längeren Zeitraum zu binden, ist erreicht.

„Ganz eigener Reiz“

Als „Mere urgency effect“ („Reine-Dringlichkeit-Effekt“) bezeichnen die Studienautoren den Effekt in ihren Versuchen. Und Zhu, Yang und Hsee kommen zum Schluss: „Menschen verhalten sich so, als ob das Ausführen einer dringenden Aufgabe seinen ganz eigenen Reiz hat, völlig unabhängig von seinen objektiven Folgen“ – gemeint ist damit die Tatsache, dass sich in den Versuchen Testpersonen für jene von zwei Aufgaben entschieden, die rascher zu erledigen war. Selbst wenn die Belohnung dafür niedriger war.

Der weitgehend unbewusste Mechanismus, der uns Dringendes vorziehen heißt, sei, das betont der Sozialpsychologe Florack, grundsätzlich sinnvoll. „Das führt dazu, dass wir uns jenen Dingen zuwenden, die in der nahen Zukunft anstehen. Das Gefühl täuscht uns ja normalerweise gar nicht so sehr. Die Täuschung liegt nur in jenen Fällen vor, wo jemand eine Situation so konstruiert, in denen uns jemand überlistet oder wir das selbst tun.“ Man solle diese sinnvollen Mechanismen daher „auch nicht ganz abschalten“.

Im Alltag trete der „Mere urgency effect“ in der reinen Form eher selten auf, meist würden auch andere Aspekte mitspielen: Es können ungeliebte Aufgaben sein, die man möglichst lange aufschiebt, aber auch schlicht die Ablenkung durch „überall aufpoppende Dinge, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen“. „Und haben wir einmal die Aufmerksamkeit auf ein schnell umsetzbares Ziel gerichtet, dann werden andere Ziele gehemmt und in der Zielhierarchie heruntergestuft. Wir denken dann nicht mehr an die eigentlich wichtigere Aufgabe, sondern sehen zufrieden, dass wir gleich etwas erledigt haben“, erklärte Florack.

Auch bei Rabattaktionen würden Leute nicht daran denken, ob es nicht langfristig viel sinnvollere Maßnahmen gäbe, um Geld einzusparen – etwa endlich die Steuererklärung zu erledigen oder über die Kontokonditionen mit der Bank zu verhandeln.

Was helfen kann

Ein paar Tipps, um das eigene Gehirn auszutricksen, und sich vorrangig dem Wichtigen zu widmen, hat Florack parat: Neben einer To-do-Liste, in der die einzelnen Aufgaben auch klar priorisiert sind, seien vor allem „Wenn, dann“-Routinen hilfreich. Das sind vorher festgelegte Verhaltensweisen, wenn eine bestimmte Situation – etwa Ablenkung durch E-Mails – eintritt. Eine einfache solche Routine wäre zum Beispiel: „Wenn mich eine Nachricht ablenkt, schalte ich das Mail-Programm ab oder den Bildschirm meines Mobiltelefons aus.“ Wenn man das ein paar Mal nacheinander eingeübt habe, werde eine solche Vorgehensweise selbst zum Automatismus.

Wichtig sei auch, sich die nötige Zeit für die Aufgabe zu nehmen und sich in einen anderen Raum zurückzuziehen, in dem wir gewohnt sind, konzentriert zu arbeiten, sofern das möglich ist. Und bei einem längerfristigen Projekt sei es entscheidend, dieses in kleine rasch umsetzbare Schritte aufzuteilen und so viele kleine, naheliegende Ziele zu haben. Denn schon wenn ein gestecktes Ziel wenige Tage entfernt liegt, beginnen laut Florack „Abwertungsprozesse“ – die Gedanken an die Umsetzung werden durch die zeitliche Distanz automatisch reduziert.

Letztlich sei es aber unvermeidlich, immer wieder in die Dringlichkeitsfalle zu tappen. Auch jenen, die sich ständig mit diesen Phänomenen beschäftigen, geht es so, wie Florack freimütig einräumt: „Es gibt sicher Marketingtricks, die mich nicht mehr beeinflussen, das betrifft viele Arten von Coupons. Aber auch mir passiert es im Alltag immer wieder, dass ich zuerst angeblich Dringliches erledige, statt mich auf die wichtige Aufgabe zu konzentrieren.“

Na, dann bin ich für meinen Teil ja beruhigt – heute ist bei mir nichts wichtig und auch nichts dringend, sondern einfach nur Sonntag…

Übrigens: Falls Sie auf den Geschmack gekommen sind, können Sie die Studie als PDF herunterladen.

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