Freitag, 5. Juni 2020
Editor's ChoiceCoverstory der E&W 3/2020 inklusive Update

Das Coronavirus und die Folgen für die Elektrobranche

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 11.03.2020 | Bilder | | 4  
Noch sind die globalen Lieferketten weitestgehend aufrecht. Was sich jedoch schnell ändern kann, sollte ein Key-Player – wie im Bild Samsung Semiconductor – ausfallen. Noch sind die globalen Lieferketten weitestgehend aufrecht. Was sich jedoch schnell ändern kann, sollte ein Key-Player – wie im Bild Samsung Semiconductor – ausfallen. (© Samsung) Schon beim Verfassen der aktuellen Coverstory in der vergangenen Woche war der E&W-Redaktion klar, dass sich bis zum Erscheinen in dieser Woche wohl einiges ändern würde. Dass es gleich so dick kommt, war allerdings nicht vorhersehbar…

Spätestens seit den drastischen Schritten, die von der Regierung gestern gesetzt wurden, steht fest, dass das Coronavirus massive Auswirkungen auf das öffentliche und auch wirtschaftliche Leben hat und weiterhin haben wird – jedoch weniger bedingt durch das Virus selbst, sondern vielmehr durch die Maßnahmen gegen dessen Ausbreitung. Wohlgemerkt: Laut Gesundheitsministerium gibt es in Österreich aktuell 206 bestätigte Fälle (Stand 11.03.2020, 8:00 Uhr) – bei 5.362 bisher durchgeführten Testungen und 4 genesenen Personen. Ob die ergriffenen Maßnahmen notwendig und gerechtfertigt oder übertrieben und voreilig sind, lässt sich diskutieren – Fakt ist aber, dass sich nun deutlich umfassendere wirtschaftliche Folgen abzeichnen, als noch vor wenigen Tagen anzunehmen war. Das gesamte Ausmaß wird sich wohl erst in einigen Wochen oder Monaten offenbaren – bis dahin bleibt zumindest der Titel der Coverstory der März-E&W gültig: „Das große Warten…”

Zum Vergleich: In der Grippesaison 2019/2020 sind bis Anfang März insgesamt 245.000 Menschen an der Influenza oder einem grippalen Infekt erkrankt (2018/2019 waren es 145.000 Fälle, 2017/2018 rund 440.000). Bis Mitte Februar waren in der heurigen Grippesaison 643 Todesfälle auf die Influenza zurückzuführen (2018/2019: 1.400, 2017/2018: 2.850). Somit ergibt sich bei den jährlich stark schwankenden Grippewellen eine Sterberate zwischen 0,1 und 0,2 Prozent.

Der 10. März: Historische Regierungsmaßnahmen gegen das Coronavirus

Wer hätte gedacht, dass es hierzulande im 21. Jahrhundert zu Veranstaltungsverboten, Gebäudeschließungen und weiteren Restriktionen von für selbstverständlich gehaltenen Freiheiten kommen könnte? Begründet mit dem „Totschlagargument”, die Ausbreitung des Coronavirus verhindern zu wollen, ist dieser Ausnahmezustand seit gestern Realität. „Wir sind in Österreich aufgrund der aktuellen Entwicklung gezwungen, mehrere Maßnahmen umzusetzen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus in unserem Land möglichst einzudämmen”, erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz gestern bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Bundeskanzleramt mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober und Innenminister Karl Nehammer. Die Zahl der Infizierten sei in Österreich noch vergleichsweise niedrig, doch in einigen Ländern Europas gäbe es bereits hohe Zuwachsraten. Hinzu komme, dass gleichzeitig die Fälle mit tödlichem Verlauf ebenfalls stark ansteigen würden. „Die Sterblichkeit bei den Erkrankungen am Coronavirus ist verglichen mit der Grippe um ein 10- bis 30-Faches höher”, betonte der Bundeskanzler.

Die Bundesregierung hat daher ein weitreichendes Maßnahmenbündel präsentiert:

  • Die Universitäten und Fachhochschulen sollen ab Montag nächster Woche (16. März) keine Lehrveranstaltungen abhalten und dafür auf ein Online-Angebot umsteigen. Zugleich appellierte der Kanzler an die heimischen Betriebe „wo immer möglich, auf Teleworking für die Beschäftigten umzustellen“.
  • Einschränkungen für größere Veranstaltungen: Outdoor-Veranstaltungen mit über 500 Teilnehmenden müssen abgesagt werden, Indoor-Veranstaltungen mit über 100 Personen ebenfalls. Das gilt ab dem heutigen Mittwoch bis vorerst Anfang April. Laut Gesundheitsminister Anschober sei auch eine Informationskampagne über die Details der Maßnahmen geplant.
  • Ein Einreisestopp für Menschen aus Italien und eine Heimholung für alle Österreicherinnen und Österreicher aus Italien. Innenminister Nehammer informierte, dass für Italien derzeit die Reisewarnstufe 6 gelte und folglich der Flug- und Zugverkehr in das Nachbarland eingestellt werde. Zudem seien Kontrollen an den Grenzen vorgesehen und eine Einreise nur mit gültigem Gesundheitszertifikat oder mit 14-tägiger Isolierung möglich. Ausnahmen werde es für den Güterverkehr geben.

Zusatz von Kurz: „Den wichtigsten Beitrag kann aber jeder und jede Einzelne leisten, indem wir alle versuchen, soziale Kontakte in den nächsten Wochen möglichst einzuschränken.”

Coverstory der E&W 3/2020: „Das große Warten…”

Gewiss ist dieser Tage nur die Ungewissheit. Zumindest, wenn es um das Coronavirus und die weitere Entwicklung geht. Während man einerseits unter der täglichen Flut aus Nachrichten, Meinungen und Phantastereien zu ersticken droht, sind seriöse Analysen der Situation sowie ernstzunehmende Prognosen leider Mangelware. Eine Bestandsaufnahme zwischen Panik, Beschwichtigung und Business-as-usual.

Ob man vom Coronavirus, dem Erreger SARS-CoV-2 oder der Lungenerkrankung COVID-19 spricht, tut aus Sicht der Elektrobranche nichts zur Sache. Und auch nicht, ob oder welches Tier der ursprüngliche Überträger gewesen sein könnte. Fakt ist, dass die Epidemie in der 11-Millionen-Metropole Wuhan, gelegen in der chinesischen Provinz Hubei (die nach wie vor am stärksten betroffen ist), ihren Anfang nahm und sich von dort seit Dezember 2019 über den gesamten Erdball verbreitet – bekanntlich auch nach Österreich. Dass dies in Zeiten des globalisierten Wirtschaftens nicht ohne Folgen bleiben kann, liegt auf der Hand. Die Einschätzung, wie schwerwiegend die Auswirkungen für den heimischen Elektrohandel, das -gewerbe und die -industrie ausfallen werden, kommt dem berühmten Blick in die Kristallkugel gleich – und verständlicherweise will sich momentan niemand allzuweit aus dem Fenster lehnen.

Als bisher noch „überschaubares Problem“ für die österreichische Wirtschaft bezeichnet der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, das Coronavirus. Selbst wenn sich die Situation in Italien verschlimmere, rechne man mit einem Minus von maximal 400-500 Mio. Euro bzw. gut 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Eine Einschätzung, die etwa Nikolaus Csernohorszky, Geschäftsführer des gleichnamigen Wiener Elektroinstallationsunternehmens, so nicht teilen kann: „Ganz konkret beziehen wir Leuchtioden, also LED-Produkte aus China. Dort ist es sogar so, dass die Produktion eingestellt ist und wir die Fabrik überhaupt nicht erreichen, dh wir bekommen gar keine Aussagen zu Lieferzeiten. Bei Photoltaikanlagen sind wir ebenfalls hauptsächlich aus Lieferungen aus China angewiesen. Auch in diesem Fall sind uns Lieferzeitverzögerungen von zumindest mehreren Monaten angekündigt worden.“ Kopfzerbrechen bereitet dem Chef des 300-Mitarbeiter-Betriebs aber noch etwas: „Die Schwierigkeit ist nur, ob bzw wie wir das in unseren Verträgen in Österreich abbilden können. Wird diese Fabrikssperre in China als höhere Gewalt anerkannt oder werden wir dann vielleicht Vertragsstrafen zahlen müssen?“ Was die weitere Entwicklung in China angeht, zeigt sich das IHS jedenfalls vorsichtig optimistisch: „Rechnet man die Infektionsdynamik in der Region Hubei weiter, könnte das Corona-Virus bis Ende April weitgehend unter Kontrolle sein.“ Damit würde sich die wirtschaftliche Aktivität in China im zweiten Quartal weitgehend normalisieren.

Weniger exakt legt man sich beim FEEI fest: „Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie ist international stark vernetzt – sowohl in Bezug auf Zulieferer als auch Abnehmer. Daher sind wirtschaftliche Auswirkungen zu erwarten, können aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau beziffert werden bzw. je Unternehmen unterschiedlich ausfallen.” Und auch Bundesgremialobmann Wolfgang Krejcik hält sich mit Zahlen zurück: „Derzeit haben wir keine Informationen zu Engpässen oder Lieferschwierigkeiten. Wir müssen allerdings befürchten, dass es bei der UE – dh TV und Audio – zu Engpässen kommen kann. Wegen der langen Transportzeiten werden die Folgen erst in ein, zwei Monaten sichtbar. Einstweilen haben wir noch keine Verknappung festgestellt. Aber natürlich beobachten wir die Situation sehr aufmerksam.”

Stellungnahmen der Koops

ElectronicPartner-GF Michael Hofer hält zur aktuellen Entwicklung fest: „Es gibt leider kaum Produkte, in denen keine Bauteile aus China verbaut sind. Dennoch erwarten wir aus jetziger Sicht keine größeren Auswirkungen, weil ja nur Werke direkt in Wuhan von völligen Produktionsstopps betroffen sind. Natürlich ist festzustellen, dass die Preise am Weltmarkt zum Teil anziehen, und das wird uns auch in Europa mitbetreffen, insbesondere in den Sparten IT und Telekom. Die Industrie spricht zwar schnell von drohenden Knappheiten, aber es wird definitiv weiterhin Ware geben. Unsere Aufgabe – und auch die der Händler – wird es sein, für die entsprechende Bevorratung zu sorgen.”

Ähnlich äußert sich auch Expert-GF Alfred Kapfer: „Das Coronavirus ist derzeit bei der Industrie omnipräsent. Wir können davon ausgehen, dass das Auswirkungen haben wird. Schließlich gibt es auf der ganzen Welt kein Gerät mehr, in dem nicht zumindest eine sprichwörtliche Schraube aus China verbaut ist. Wer jetzt allerdings schon alles auf das Coronavirus schiebt, der flunkert. Wir beobachten die Situation und reagieren – mit Maß und Ziel. So wird unser Lagerstand zum Geschäftsjahresende, Ende März, sicher höher sein, als sonst üblich. Ob wir mit unserer Strategie richtig liegen, kann man allerdings erst im Nachhinein sagen.”

Red Zac spüre derzeit keine Auswirkungen der Coronakrise, wie Vorstand Peter Osel berichtet. Man treffe momentan auch keine Vorkehrungen, denn: „Wenn nicht einmal die Industrie die Situation einschätzen geschweige denn uns sagen kann, was passieren und wie es ihr gehen wird, wie sollen wir es dann wissen? Wir können aktuell nicht mehr tun, als uns darum zu kümmern, dass wir die für uns wichtigen Produkte beisammen haben – zumindest für eine gewisse Zeit. Und selbst wenn gewisse Geräte ausgehen, müssen wir halt schauen, dass wir Alternativen zur Verfügung haben.“ Und: „Wir bekommen seitens der Industrie Null Information“, kritisiert der Vorstand, der damit weniger in Österreich ansässige Unternehmen meint, sondern eher jene auf europäischer Ebene. „Euronics International hat nachgefragt und nur unbedeutende Antworten bekommen.“ Osel glaubt, dass hier möglicherweise eine Strategie dahinterstecken könnte, zB um Verknappung vorzutäuschen: „Diese Schmähs kennen wir ja. Jedes Jahr wird uns zu Weihnachten erzählt, dass die Fernseher knapp werden.“ Erfreulicherweise sei bis dato in den Geschäften kein Rückgang bei der Kundenfrequenz feststellbar.

Weitere Statements von Branchenvertretern und Entwicklungen in einzelnen Sparten finden Sie in gesonderten Beiträgen.

Bilder
Am gestrigen 10. März präsentierten Bundeskanzler Sebastian Kurz (m.), Innenminister Karl Nehammer (li.) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (re.). ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Eindämmung des Coronavirus.
Am gestrigen 10. März präsentierten Bundeskanzler Sebastian Kurz (m.), Innenminister Karl Nehammer (li.) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (re.). ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Eindämmung des Coronavirus. (© BKA)

Kommentare (4)

  1. Lieber Herr Osel!
    Vielleicht sollten sie auch mal vor der eigenen Haustüre kehren. Kommen Sie mal aus Ihrer Opferrolle raus. Es ist nicht immer die Industrie schuld! Sehr wahrscheinlich wird genau einer Ihrer Händler völlig gegen den Markt arbeiten. Gefragtes Produkt = guten Lagerstand vor Ort= Preis im Netz runter= weil 3,80€ Vorteil gegenüber Händler XY ums Eck! Also immer durch durch die Hose atmen und nicht immer die Schuld bei der Industrie suchen!

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