Freitag, 4. Dezember 2020
RE/MAX-Analyse der Handelssparten anhand von Börsenkursen

Corona-Pandemie schädigt den stationären Einzelhandel weltweit

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 17.11.2020 | |  
(© zhu difeng - Fotolia.com) Zur Eindämmung der Corona-Pandemie setzen die Regierungen mittlerweile weltweit ähnliche Strategien: Um der Virus-Ausbreitung entgegenzuwirken, wird das gesellschaftliche Leben heruntergefahren. Die damit einhergehenden Maßnahmen treffen den stationären Einzelhandel besonders hart – quer über den Globus, wie RE/MAX Commercial nun erhoben hat.

Während der stationäre Einzelhandel in vielen Ländern Europas im ersten Lockdown bis auf die Grundversorgung geschlossen war, gehen manche Regierungen im aktuell zweiten Lockdown den Weg, den stationären Handel so lange als möglich offen zu halten. Für Österreich wurde dieser Zugang nun mit dem heutigen Dienstag wieder beendet, der Handel muss, bis auf wenige Ausnahmen, in der beginnenden Vorweihnachtszeit seine Pforten wieder schließen.

Eine fundierte Aussage, ob offene Geschäfte im Teil-Lockdown angesichts einer verunsicherten Bevölkerung nun wirtschaftlich geführt werden können oder nicht, ist insgesamt nur branchenabhängig zu treffen.

Globaler Branchenvergleich als Pandemie-Indikator

RE/MAX Commercial hat die zweite Welle der Lockdown-Maßnahmen zum Anlass genommen, einen globalen Blick auf Gewinner und Verlierer der Corona-Pandemie im Einzelhandel zu werfen. Als Basis dient die Kursentwicklung am Aktienmarkt.
Dabei wurden, auf Basis der umsatzstärksten Einzelhändler der Welt (Quelle: Deloitte, Global Powers of Retailing 2020), deren Kursentwicklung im Zeitraum 1.1.2020 – 31.10.2020 (Ytd) und im Zeitraum von drei Jahren, vom 1.11.2017 – 31.10.2020 folgende Branchen analysiert:

  • Warenhäuser
  • Diskont
  • Elektronik
  • Heimausstatter
  • Supermärkte
  • Textil/Schuhe
  • Luxus
  • Online

Von den acht untersuchten Branchen konnten kurzfristig (1.1. – 31.10.2020) nur vier ihre Kapitalmarktwerte erhöhen (am deutlichsten Online mit +79,3%, gefolgt von Baumärkten mit +23,3% und Diskont mit +18,7%; Elektronik liegt mit +4,6% leicht im Plus), während vier weitere zum Teil auch sehr deutliche Kursverluste hinnehmen mussten (am massivsten Warenhäuser mit -47,4%).

Covid-19 pusht Online

Globale Gewinner und Verlierer im Einzelhandel infolge der Covid-Pandemie. (© RE/MAX)

Die Corona-Pandemie wird bereits jetzt weithin als großer Treiber für den Online-Handel gesehen. Im Dreijahresvergleich ist der Online-Handel mit einer durchschnittlichen Kurssteigerung von rund +120% der absolute Sieger, der größte Teil (+79%) davon kommt allerdings aus dem aktuell laufenden Jahr bis 31. Oktober.

Die größten Kurssteigerungen konnten dabei die beiden US-Konzerne Wayfair (+170%) und Chewy.com (+110%) sowie der chinesische Anbieter JD.com (+126%) verbuchen.

„Chewy ist ein Online-Händler für Tiernahrung und tierbezogene Produkte, Wayfair ist auf Haushaltsprodukte, Spielzeug und Möbel spezialisiert – Branchen, die aufgrund der weltweiten Lockdown-Maßnahmen massiv profitiert haben”, erläutert Stefan Krejci von RE/MAX Commercial.

Geschlossene Geschäfte, aber auch die Angst vor persönlichem Kontakt zu anderen Menschen haben zu deutlich besseren Zahlen der Online-Anbieter beigetragen. So hat Zalando seinen Quartalsumsatz zuletzt um +20% steigern können (Quelle: orf.at), während Amazon im jährlichen Umsatzvergleich um +37% gewachsen ist (Quelle: cnbc.com). An der Börse wurde Amazon am 31.10. um rund 64% höher bewertet als noch zu Jahresbeginn. Neue Maßstäbe hat auch das Unternehmen Alibaba gesetzt: Am Single’s Day (11.11.2020) hat der chinesische Gigant über 70 Mrd. US-Dollar umgesetzt – das entspricht dem 21-fachen Umsatz (!!) von Amazon am US-Prime Day.

Weitere Corona-Profiteure, denn es gibt immer ein Projekt

Neben dem Branchenprimus Online-Händler wurden auch die Heimausstatter/Baumärkte, der Diskonthandel und der Elektronikhandel Ende Oktober 2020 wertvoller bewertet als noch zu Jahresbeginn. Vom Dreijahreskursgewinn im Diskont (+26%) und bei der Heimausstattung (+39%) entstand mehr als die Hälfte heuer, was ein klares Indiz für einen Pandemie-Gewinn darstellt.

Mit der Hornbach Baumarkt Group AG stellt Deutschland den Sieger im Ytd-Vergleich im Bereich Heimausstatter/Baumärkte. Das Unternehmen hat rund +46% an Wert gewonnen und damit den Zweitplatzierten (Kingfisher plc/UK) deutlich hinter sich gelassen.

Dagegen sind die lang- und kurzfristigen Verluste im Bereich der Warenhäuser, aber kurzfristig auch im Bereich der Luxusgüterhersteller deutlich.

Textilhandel: Kurseinbrüche und Insolvenzen, dass die Fetzen fliegen

Den Börsenkursen zufolge ist die Textil- und Schuhbranche noch vergleichsweise „gut“ durch die Krise gekommen, jedoch ändert sich dieses einseitige Bild schlagartig bei genauerer Betrachtung.

Unternehmen, die zB für den stationären Handel in Österreich große Bedeutung haben, haben heuer teils dramatisch an Wert verloren. Beispielsweise H&M (-23,9%), die spanische Inditex Gruppe (-33,3%) mit den Marken Zara, Pull&Bear und Massimo Dutti, auch Primark (-34,5%) oder TK Maxx (-17,2%).

Auch im 36-Monate-Betrachtungszeitraum haben große Textilhändler massiv an Börsenwert verloren. Dabei gaben die spanische Inditex Gruppe (-34,4%), H&M (-31,0%) aber auch Primark (-48,5 %) deutlich nach.

„Es zeigt sich aber auch, dass der überwiegende Teil des Marktwertverlustes bei diesen Unternehmen im Corona-Jahr 2020 eingetreten ist, was ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass jene Branchen, die für unsere Innenstädte so wichtig sind, bis dato zu den großen Verlierern zählen”, führt Krejci weiter aus.

Die insgesamt positive Ausstrahlung von Textil- und Schuhhandel im Dreijahresvergleich mit einer Steigerung um rund +17% ist trügerisch. Sie ist nämlich auf die deutlich überdurchschnittliche Entwicklung von Unternehmen wie Nike (+116,7%) oder Fast Retailing Co. Lt. aus Japan mit „UNIQLO“ als Kernmarke (+74,8%) zurückzuführen.

Konkurse und Insolvenzen in der D-A-CH-Region im Bereich der Textil- und Schuhbranche standen 2020 beispielsweise mit Esprit, Dressmann, Colloseum, Hallhuber, Tom Tailor/Bonita beinahe auf der Tagesordnung. „Es ist heute leider davon auszugehen, dass es in den kommenden Monaten einen deutlichen Anstieg von Konkursen im stationären Handel geben wird”, befürchtet Krejci.

Bei den Kursen weder Fisch noch Fleisch, wohl aber im Sortiment – der Lebensmittelhandel

Spannend ist auch ein Vergleich im Bereich „Supermärkte/Hypermärkte“. Fünf von zehn untersuchten Konzernen haben hier an Marktwert verloren, der größte Verlierer dabei ist die französische „Casino Guichard-Perrachon SA“ mit knapp über -50%. Diesen Unternehmen stehen aber auch Gewinner gegenüber. Die größten davon mit jeweils rund +20% Wertsteigerung sind in Südafrika (Pick n Pay Stores), Japan (Aeon Co Ltd.) und in Kanada (Empire Company Ltd.) zuhause.

Interessant ist auch ein Blick auf den weltgrößten Händler Walmart. Dieser investierte rund 3,4 Mrd. US-Dollar in seine digitale Transformation, zusätzliche Dienstleitungen wie „Walmart +“ (eine Art Abo-Packet vergleichbar mit Amazon-Prime) sind bereits erfolgreich angelaufen. Der Kapitalmarkt scheint diese Schritte zu mögen – Walmart wurde mit Ende Oktober um rund 16% höher bewertet als zu Beginn des Jahres.

Aufgrund der Tatsache, dass die wesentlichsten Lebensmittelhändler in der D-A-CH-Region nicht börsennotiert sind, konnten sie in der vorliegenden Betrachtung nicht berücksichtigt werden.

Langfristige Schäden, wenn es so weitergeht

„Das Wachstum des Online-Handels wird durch Corona massiv beschleunigt, weil geschlossene Geschäfte oder die Angst vor Kontakten mit anderen Menschen dem digitalen Einkauf in die Hände spielen. Gleichzeitig fördern die wirtschaftliche und finanzielle Unsicherheit, aber auch die vermehrte Zeit in den eigenen vier Wänden, den Diskonthandel und die Heimausstatter“, sagt der RE/MAX-Experte.

Wenn uns der Beitrag des stationären Handels für unsere Versorgung, unsere Infrastruktur, unser Sozialsystem und unser Steueraufkommen wichtig ist, dann ist es von essenzieller Bedeutung, jetzt den stationären Handel mit allen sich bietenden Möglichkeiten zu unterstützen”, betont Stefan Krejci von RE/MAX Commercial. (© RE/MAX Austria/Doris Schwarz-König)

Die Auswirkungen auf die Einzelhandelslandschaft Österreichs werden massiv sein: Laut den aktuellsten Daten der KMU Forschung Austria (Sept. 2020) werden in Österreich aktuell rund 8,7 Mrd. Euro im Distanzhandel ausgegeben, davon 8 Mrd. Euro im Online-Handel, der Rest im klassischen Katalog-Vertrieb. Das entspricht ca. 12% der Einzelhandelsausgaben und einem Anstieg von rund 7% zum Vorjahr.
Erschreckend, aber nicht unbekannt, ist die Tatsache, dass mehr als 50% der Online-Ausgaben ins Ausland abwandern. Das heißt weniger Arbeitsplätze, weniger Sozialabgaben und weniger Konsumsteuern für Österreichs Länder, Gemeinden und den Bund, also für die soziale Absicherung der österreichischen Gesellschaft.

Die nunmehr neuerliche Schließung des größten Teils des stationären Einzelhandels findet darüber hinaus in der wohl wichtigsten Zeit des Jahres statt, denn teilweise werden rund ein Drittel der Umsätze in den Monaten November und Dezember realisiert. „Es wird sich zeigen, ob wir Solidarität in Österreich auch dem Handel gegenüber leben, oder ob dieser zweite harte Lockdown letztlich ein Gratis-Förderprogramm für Amazon & Co sein wird”, hält Krejci fest.

Wege aus der Krise in neue Fitness

Bereits seit geraumer Zeit wird vor den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den stationären Handel mit seinen rund 400.000 Mitarbeitern in Österreich gewarnt. Die aktuellen Zahlen aus den Kapitalmärkten zeigen leider eindrucksvoll, wie extrem schnell diese Veränderungen voranschreiten.

Doch was sind nun in der derzeit herausfordernden Situation mögliche Herangehensweisen, um den stationären Handel bestmöglich durch diese Krise zu bekommen und fit für eine Zeit nach der Pandemie zu machen?

  1. Vergleichbare Rahmenbedingungen für den Online Handel und den stationären Handel: Corona sollte die Chance bieten, auf politischer Ebene in Richtung Ausgewogenheit und Chancengleichheit zu arbeiten. Dieses Themenfeld spannt sich von steuerlichen Aspekten über kollektivverträgliche Gehaltsregelungen für den Online-Handel und seine Distributionsnetzwerke bis hin zum Reizthema „verkaufsoffene Sonntage“, zumindest für wenige, ausgewählte in den umsatzstärksten Zeiten des Jahres. „Das Thema einzelner verkaufsoffener Sonntage ist ohne Zweifel vielschichtig und heikel. Dennoch ist es wichtig, dieses sachlich und unaufgeregt zu diskutieren. Schließlich nützen Konsumenten den Sonntag mangels Einkaufsalternativen gerne für Online-Bestellungen. Das wird sogar noch mit Sonntagsrabatten beworben und gefördert. Darüber, dass diese Umsätze wochentags im stationären Handel fehlen, muss sich jeder im Klaren sein”, sagt Krejci.
  2. Gezielte politische Maßnahmen zur Stärkung des stationären Handel auf regionaler und lokaler Ebene: Die Förderung neuer Retailkonzepte durch Anschub-Investitionen, die Förderung lokaler oder kooperativer Händlergemeinschaften oder ganz banal und trotzdem wirksam: wohnortnahe Konsumgutscheine zählen hier ebenso dazu, wie vereinfachte behördliche Vorgaben, aber auch rasche Bauverfahren. „Bei all den Maßnahmen müssen sich Gemeinden immer mehr bewusst werden, dass der stationäre Handel einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Lebensräume leistet, in der Innenstadt ebenso wie in den Einkaufszentren und Fachmarktzentren. Daher liegt es auch an den politisch Verantwortlichen, entsprechende Strukturen zum Managen der Einkaufsstraßen wie Einkaufszentren aufzubauen“, ist Krejci überzeugt.
  3. Digitalisierungs-Offensive im stationären Handel: Jede Art der Unterstützung im Bereich digitaler Projekte für den stationären Handel ist wichtig. Hier bieten sich beispielsweise die verstärkte Vernetzung der Kommunen untereinander in Bezug auf „Best Practice Beispiele“ ebenso an, wie gezielte Förderprogramme für digitale Schwerpunkte im stationären Handel. Am Ende jedoch geht es weniger um die Maßnahmen selbst, sondern darum, welchen Mehrwert der Konsument für sich persönlich daraus ziehen kann.
    Die Corona-Pandemie hat bereits massive Auswirkungen auf den stationären Handel. „Wenn uns der Beitrag des stationären Handels für unsere Versorgung, unsere Infrastruktur, unser Sozialsystem und unser Steueraufkommen wichtig ist, dann ist es von essenzieller Bedeutung, jetzt den stationären Handel mit allen sich bietenden Möglichkeiten zu unterstützen, das schließt auch rasche und unbürokratische Hilfe aus den unterschiedlichen Hilfsfonds mit ein“, appelliert Krejci an die Politik.

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